Nein, bei uns ist Software seit über 20 Jahren eine Kernkompetenz, die wir sehr systematisch Schritt für Schritt aufgebaut haben. Bei unseren Software-Entwicklern ist uns besonders wichtig, dass sie ein hohes Verständnis unseres Produkts mit Software-Skills verbinden. Wir haben mittlerweile 10.000 Software-Entwickler insgesamt bei BMW.
BMW-Elektronikchef: "Die meisten Mitbewerber können nur das Infotainment updaten, wir können das ganze Auto"
Mit der Neuen Klasse liegt BMW im Rennen um das Software-Defined Vehicle weit vorn, findet Christoph Grote. Im Interview spricht er über Entwickler-Loyalität in China und die Bedeutung von OTA-Updates.
Die Bedürfnisse in China an das digitale Erlebnis sind völlig anders. Es würde keinen Sinn machen, in China eine Spezifikation zu schreiben, die dann ein Entwickler in Deutschland umsetzt, der selbst vielleicht noch nie in China war.
Deshalb haben wir in unserer eigens hierfür gegründeten Software-Tochtergesellschaft BA TechWorks in Nanjing und im Entwicklungszentrum in Peking rund 1000 Software-Entwickler.
Wir haben eine globale Software- und Elektronikplattform, dabei sind die Hardware und die unteren Softwareschichten weltweit nahezu identisch.
Die Applikationen, die wir darauf bauen, also konkrete Kundenfunktionen wie etwa im Infotainment oder auch automatisierte Fahrfunktionen, die mitunter auch regionaler Regulatorik unterliegen, versuchen wir möglichst nah entlang der landesspezifischen Anforderungen zu entwickeln.
Für China geschieht das zu großen Teilen in Nanjing. Das ist eine junge, sehr ehrgeizige und hochkompetente Truppe. Ich hatte zunächst ein bisschen Sorge, dass wir exzellente Software-Entwickler in dem kompetitiven chinesischen Arbeitsmarkt wieder verlieren könnten.
Wir haben aber eine extrem hohe Entwickler-Loyalität, obwohl in direkter Nachbarschaft ein paar Top-Smartphone-Marken sitzen. Diese Entwickler sind technologisch erstklassig und kennen den chinesischen Alltag und die Bedürfnisse der chinesischen Kunden. Genau dieser funktionale Mix macht es aus.
Die Neue Klasse ist technologisch ein großer Sprung, für unser Mindset und die DNA bedeutet sie aber keine Revolution. Eigene Software entwickeln wir, wie gesagt, seit über 20 Jahren.
Wir sind schon immer tiefer in die digitale Wertschöpfung gegangen als manch ein Wettbewerber. Gerade in der Entwicklung der zentralen Rechnerplattformen, unseren vier Superbrains, steckt sehr viel Eigenleistung.
Wir kaufen dort nichts mehr klassisch nach Lastenheft ein. Insofern sehe ich die Neue Klasse als konsequenten Schritt für das Software Defined Vehicle, den wir schon vor vielen Jahren eingeleitet haben.
Ein schönes Beispiel ist das Heart of Joy. Darin spiegelt sich der Markenkern von BMW, unsere Entwicklerleidenschaft und -Kompetenz. Wir waren schon immer ein Fahrdynamik-Unternehmen, wir wollten schon immer das Letzte rausholen. Mit dem Elektroantrieb und den enormen Leistungen auf Vorder- und Hinterachse sahen wir fahrdynamisch enorme Potenziale.
Die wollten wir auf die Straße bringen. Dann haben wir festgestellt, dass es fahrdynamische Algorithmen und Hard- und Software zum Heben des vollen Potenzials gar nicht am Markt gab.
Ich will jetzt nicht zu tief in die Technik einsteigen, aber ein heutiges Fahrwerksregelsystem, das dem Standard entspricht, regelt mit 100 Hertz 10 Millisekunden. Wir wollten aber mehr als um den Faktor Zehn besser werden, heißt: Das Heart of Joy regelt mit unserer Software Dynamic Performance Control alle Räder und die Lenkung der Neuen Klasse mit unter einer Millisekunde.
Damit schaffen wir ein noch nie dagewesenes Fahrerlebnis. Möglich macht das die hohe Wertschöpfungstiefe von BMW in der Algorithmik und in der Software.
Ich kenne kaum einen BMW-Fahrer, der nach ein paar Runden auf dem Handlingkurs aus dem iX3 Neue Klasse ohne breites Lächeln im Gesicht ausgestiegen wäre. Es ist schwierig in Worte zu fassen. Das muss man erleben. Das Auto lässt sich sehr leicht, fast spielerisch und mit einer nie dagewesenen Präzision bewegen.
Die OTA-Fähigkeit, wir nennen das bei uns Remote Software Update (RSU), über alle funktionalen Fahrzeug-Domänen hinweg, beherrschen wir seit 2018 und updaten so schon heute über zehn Millionen Fahrzeuge mehrmals im Jahr. Das hebt uns vom Wettbewerb ab.
Die meisten Mitbewerber können nur das Infotainment updaten, wir können das ganze Auto – alle Steuergeräte, den Antrieb, das Laden, ADAS... Das ist eine essenzielle Fähigkeit für das Sofware Defined Vehicle.
Im Vergleich zu unseren aktuellen Serienfahrzeugen vervierfacht sich das Software-Volumen bei den Fahrzeugen der Neuen Klasse in etwa. Insofern ist es schon schön, dass wir bereits so viel Erfahrung mit Over-the-Air-Updates haben und auch in Zukunft die Update-Installation in einem BMW in zirka 20 Minuten erledigt sein wird – und das über alle Antriebsarten hinweg.
Wir haben in der Neuen Klasse für den Kunden ein sehr hohes Hardware-Grundniveau eingebaut. Für den Käufer macht das die Neue Klasse zu einer zukunftssicheren Investition, weil die Software noch sehr lange Zeit kompatibel sein wird und das Fahrzeug so "frisch" bleibt.
Ja. Neue Software-Releases werden dann gleichmäßig getaktet Over-The-Air aufgespielt. Diese Fähigkeit, alle Antriebsarten und alle Ausstattungsvarianten über Software-Updates zu bedienen, wird häufig unterschätzt.
Da hilft unsere langjährige Erfahrung enorm. Und mit dem Start der Neuen Klasse schaffen wir mehr Einheitlichkeit in unserer Software-Landschaft. Das hilft unseren Entwicklern, sich auf neue, fortschrittliche Funktionen zu konzentrieren.
Enorm viel! Hardwarezyklen sind langsamer als Softwarezyklen. Deshalb ist es wichtig, dass man Abhängigkeiten zwischen Hard- und Software durch gutes Engineering los wird.
Die Entkopplung von Hard- und Software ist nicht leicht umzusetzen. Dafür braucht es viel Vorausdenken und sehr gutes Handwerk. Mit der Neuen Klasse sind wir in meinen Augen zu einem sehr guten Ergebnis gekommen.
Am Ende müssen sich alle Player unserer Branche daran messen lassen, was in der Realität beim Kunden ankommt, und da komme ich wieder auf das Thema Over-the-Air-Updates zurück: Diese Updates sind eigentlich der Lackmustest für das Software-definierte Fahrzeug. So bekommt der Kunde seine Updates – im Volumen, in der Regelmäßigkeit und über die Breite des Elektronikspektrums.
Panoramic iDrive ist ein völlig neues Bedienkonzept mit komplett neu entwickelter Hardware. Für uns ist es enorm wichtig, mit so einem Innovations-Highlight auch in die Breite des Produktportfolios zu gehen. Das ist E/E-seitig eine große Herausforderung.
Aber wir bringen die neue Elektronikgeneration mit all ihren Funktionen nicht nur in den iX3 und im nächsten Jahr im i3, sondern bis Ende 2027 in 40 Modelle. Wir bringen diese Modelle also digital und elektronisch auf den neuesten Stand, bei der Hardware und der Software. Und das gilt natürlich auch für das digitale Innenraumerlebnis mit Panoramic iDrive.
Das, was wir mit dem iX3 liefern werden, ist unsere neue Elektronik-Generation für die nächsten Jahre. Auf der funktionalen Seite entwickeln wir für die Kunden immer weiter. Wir planen mit drei Updates im Jahr, die dem Kunden auch erlebbare, neue Features bringen.
So sind wir in der Lage, die Fahrzeuge sehr lange frisch zu halten, ohne dass wir physische Eingriffe am Auto selbst durchführen müssen. Unsere Kunden werden in den Fahrzeugen der Neuen Klasse über die nächsten Jahre viele schöne Innovationen erleben.