Künstliche Intelligenz hält in nächster Zeit mit Macht Einzug in die Büros – in der Automobilbranche und der gesamten Wirtschaft. Thymian Bussemer hat als Bereichsleiter HR Strategie & Innovation der Volkswagen AG nicht nur den Einblick bei Europas größtem Autobauer, sondern als Vizepräsident des Bundesverbandes der Personalmanager weit darüber hinaus.
VW-Personal-Strategiechef Bussemer: "Die alte Deutschland AG löst sich auf"
Wie stark wird KI die Büros der Automobilbranche prägen? Thymian Bussemer, HR-Strategiechef bei Volkswagen, erwartet "spürbare Veränderungen" in kurzer Zeit.
Mit Blick auf Deutschland sehe ich, dass sich die alte Deutschland AG unter dem Druck von globalem Wettbewerb und fortschreitender Digitalisierung weiter auflöst. In den Hauptverwaltungen der großen Unternehmen sind ja seit den 1950er Jahren gigantische Bürokratien mit Ministeriums-ähnlichen Strukturen aus Juristen, Controllern und auch Personalern entstanden. Denen geht es nun in der gegenwärtigen Situation an den Kragen.
Wenn ein OEM einen Zulieferer beauftragt, hat der OEM wahrscheinlich Allgemeine Geschäftsbedingungen von 150 Seiten, der Zulieferer vielleicht von 70. Beide Regelwerke müssen miteinander abgeglichen werden – vom Zahlungstermin bis zum Gerichtsstand. Früher haben das Juristen gemacht, heute läuft so ein Prozess automatisiert.
Wir haben in den indirekten Bereichen der Automobilindustrie hohe Digitalisierungs- und Automatisierungspotenziale, erleben aber gleichzeitig einen Komplexitätsaufwuchs. Das Ökosystem rund um das Produkt Auto wird größer.
Dazu gehören beispielsweise Haftung und Compliance sowie Vertrieb und Kundendialog. Von dem durch Brüsseler Regulierung verursachten Mehraufwänden ganz zu schweigen. Es fallen also Stellen weg, es entstehen aber auch neue.
Man muss zwischen Stellen, Arbeitsinhalten und Menschen unterscheiden. Vielleicht sind 50 Prozent der Aufgaben von Veränderung betroffen, aber meiner Einschätzung nach fallen nicht 50 Prozent der Stellen weg. Dennoch werden die Headquarters der deutschen Corporates in einigen Jahren deutlich schlanker sein.
Wir haben sehr lange über den Einzug von KI in die Arbeitswelt geredet, jetzt ist sie da. Nach der langen Anbahnungsphase wird es nun schnell zu sehr spürbaren Veränderungen kommen.
Die deutschen Autohersteller sind zu komplex, um nur von einer Entwicklungsrichtung zu sprechen. Bei Unternehmen dieser Größenordnung ist nie alles Top-End oder Mittelmaß. Es gibt viele Bereiche, die mit KI experimentieren.
Einige sind schneller unterwegs, andere brauchen länger. Mein Eindruck: je näher an Produkt und Kunde, um so avancierter die KI-Implementierung. Die Verwaltungsbereiche hinken dagegen oft noch hinterher.
Da sehe ich die Branche im Mittelfeld. Unternehmen wie Telekommunikationsanbieter oder Software-Produzenten, die die Digitalisierung in ihrer DNA haben, stehen bei der Umsetzung im eigenen Unternehmen natürlich auch anders da.
Ja, denn angesichts der Standortbedingungen in Deutschland gab es in den Unternehmen schon immer zwei Tendenzen: die Automatisierung und die Verlagerung von Tätigkeiten ins Ausland.
Intelligente KI kann uns helfen, Arbeitskosten zu reduzieren und das Know-how und zumindest einen Teil der Arbeitsplätze in Deutschland zu halten. Für unsere Volkswirtschaft ist das besser, als wenn wir alles verlagern würden.
Die Diskussion über die Automatisierung im Produktionsbereich gibt es schon seit den 1950er Jahren. Die Einführung von KI ist nichts Anderes als ein weiterer Automatisierungsschub, nur trifft es jetzt nicht primär die Fertigungstätigkeiten, sondern viele Stellen in der Wissensarbeit. Mit einem solchen Schub hätten noch vor zehn Jahren die wenigsten Experten gerechnet.