Der hoch verschuldete Zulieferer Webasto ringt um eine Finanzierungslösung. Jörg Bucheim, seit Mitte März CEO des Unternehmens, und Restrukturierungsvorstand Johann Stohner wollen das Unternehmen gemeinsam wieder auf Kurs bringen. Buchheim erklärt im Interview wo der Schuh drückt und welche Perspektiven er sieht.
Webasto-Chef Jörg Buchheim: "Ich würde aktuell nichts ausschließen wollen"
Jörg Buchheim muss einen Schuldenberg von einer Milliarde Euro managen. Wie der Webasto-CEO eine Einigung mit den Gläubigern erzielen will und welche Hoffnungszeichen es gibt.
Wir haben die Weichen für die Restrukturierung früh gestellt. Unsere Maßnahmen zielen auf eine nachhaltige Verbesserung von Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit ab. Da sind wir auf einem guten Weg. Unsere Zahlen zeigen, dass wir kontinuierlich Fortschritte machen.
Positiv ist auch, dass das Jahr 2025 bisher umsatzseitig besser läuft als erwartet. Und es gibt auch andere erfreuliche Entwicklungen – zum Beispiel in unserem Autodach-Geschäft in Indien oder unserem Batteriegeschäft in Südkorea.
Wesentlich ist, dass es uns gelingen muss Kapazitäten und Nachfrage neu auszubalancieren. Der Markt hat sich abgekühlt und wie bei anderen Zulieferern auch, drücken Überkapazitäten, die wir in den Wachstumszeiten aufgebaut haben, weiterhin aufs Ergebnis. Aber wir haben auch enorme Unsicherheiten in der Planung und deutliche Schwankungen bei den Abrufen unserer Systeme.
Anpassung und Flexibilisierung von Strukturen sind das eine, ein kritischer Blick, was wir auch künftig lohnend am Markt anbieten können, das andere. Daher müssen wir auch unser Produktportfolio weiter schärfen und erwägen auch Technologiepartnerschaften, um uns besser aufstellen zu können.
Außerdem sind wir seit Längerem in intensiven, konstruktiven Gesprächen mit unseren Kunden. In der Vergangenheit lag bei Projekten in der Automobilindustrie eine hohe Kostenbelastung bei Zulieferern wie uns, zum Beispiel für die Vorentwicklung oder neue Produktionsanlagen, speziell im Batteriegeschäft.
Mit der Verschlechterung der Rahmenbedingungen blieb uns immer weniger Spielraum für Investitionen in innovative Technologien. Daher diskutieren wir jetzt unter anderem neue Finanzierungsmodelle im Projektgeschäft mit Fahrzeugherstellern. Wir haben da beispielsweise in Südkorea schon gute Erfahrungen gemacht.
Unsere Stabilisierungsvereinbarung mit unseren Bankenpartnern ist nach wie vor in Kraft und gilt, bis wir uns abschließend über die künftige Finanzierung von Webasto verständigt haben. Über den Lösungsraum besteht Einigkeit. Ich gehe davon aus, dass der Rahmen dafür Mitte August steht und wir dann wieder positiv in die Zukunft schauen können.
Johann Stohner und ich arbeiten sehr eng zusammen. Er konzentriert sich vor allem auf die Ausarbeitung des Restrukturierungskonzepts und Bankengespräche. Meine Aufgabe ist es, die Transformation von Webasto insgesamt voranzutreiben sowie das operative Geschäft zu optimieren – das machen wir in enger Abstimmung auch mit den weiteren Vorstandskollegen und -kolleginnen.
Die verlängerte Stabilisierungsvereinbarung gibt uns die notwendige Zeit, unseren Sanierungsplan final darzustellen und mit allen Stakeholdern abzustimmen. Das Ziel ist die nachhaltige Finanzierung der Restrukturierung, die bis 2028 abgeschlossen sein soll. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich wegen bestehender Vertraulichkeitsvereinbarungen zu Details nichts sagen und bitte um Verständnis. Soviel kann ich jedoch schon heute sagen: Ich bin vorsichtig optimistisch.
Aktuell sind wir mit Eigentümern und Kreditgebern im Austausch zu verschiedenen, alternativen Optionen.
Derzeit gibt es sehr viele Einflussfaktoren, die es zu berücksichtigen gilt – und nahezu im Wochentakt ändern sich Parameter, die wir lange Zeit für gesetzt hielten. Vor dem Hintergrund halte ich eine Prognose für äußerst schwierig. Aber ich setze mich mit aller Kraft dafür ein, dass Webasto stabil durch diese turbulente Zeit kommt und wir den Turnaround gut hinbekommen.
Dabei könnten gerade die Automobilzulieferer in Deutschland gut ein wenig Rückenwind gebrauchen. Sie leisten rund 70 Prozent der Wertschöpfung der Automobilindustrie. Dennoch ist die Finanzierungsbereitschaft von Banken und Investoren in die Zulieferbranche auf einem historischen Tiefstand. Das hemmt die Wirtschaftskraft und Transformation der gesamten Automobilindustrie.
Von der Bundesregierung erwarten wir eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen für Unternehmen in der Automobilindustrie und die Förderung eines investitionsfreudigeren Klimas. Auch ein klares Bekenntnis zur Elektromobilität bei gleichzeitiger Technologieoffenheit und ein konsequenter Ausbau der Infrastruktur verbunden mit wettbewerbsfähigen Energiepreisen sowie radikaler Bürokratieabbau wären hilfreich, um die Innovationskraft in Deutschland zu stärken.
Die Konkurrenz ist insgesamt härter geworden – global und in einzelnen Märkten. Die Gründe sind bekannt: geopolitische Konflikte, der Trend zum Protektionismus, die schwache Nachfrage, unterschiedliche Trends in den Regionen und neue, zusätzliche Player.
Auf dem nach wie vor größten Einzelmarkt für Webasto, in China, spüren wir das ganz besonders in unserem Hauptgeschäftsfeld mit Dachsystemen aller Art. Die Konkurrenz für die OEMs wird schärfer, das Preisbewusstsein bei der Auswahl von Zulieferteilen beziehungsweise Lieferanten steigt – und das Tempo in Entwicklung und Produktion hat deutlich zugenommen. Darauf stellen wir uns deutlich ein.
Batterieproduktion in Schierling: Der Zulieferer Webasto will die Restrukturierung bis 2028 abschließen.
Wir werden nicht umhinkommen, unsere Kapazitäten auch in diesem Jahr weiter an die veränderte Marktlage anzupassen. Was das bis Ende des Jahres bedeutet, kann ich aktuell nicht sagen. Das hängt von der weiteren Geschäftsentwicklung ab und von bekannten und möglicherweise auch neue Einflussfaktoren. In den letzten Jahren haben wir – angefangen bei Corona über den Ukraine-Krieg bis zu den jüngsten weltpolitischen Entwicklungen – immer wieder Überraschungen erlebt, die keiner ‚auf dem Zettel‘ hatte.
Den Stellenabbau in Deutschland gestalten wir so sozialverträglich wie möglich und kommen auch hier voran – zum Halbjahr sind bereits gut die Hälfte der geplanten 650 erreicht. Betroffen sind die Standorte Gilching, Hengersberg, Neubrandenburg, Utting sowie die Zentrale in Stockdorf bei München.
Standortschließungen im klassischen Sinn sind nicht vorgesehen. Es war aber schon länger geplant, dass Webasto den Standort Gilching aufgibt und diese Kollegen und Kolleginnen künftig im Headquarter nach Stockdorf arbeiten. Der Umzug wird voraussichtlich im Spätsommer stattfinden. In Hengersberg ist eine Teilbetriebsschließung bis Ende 2025 vorgesehen.
Ja, wir mussten unseren Footprint in China bereits anpassen. Aktuell haben wir dort neun Standorte, davon sieben Produktionsstätten. Es ist schwieriger geworden, als deutscher Zulieferer in China Erfolg zu haben. Das ist so, aber wir haben grundsätzlich entschieden, weiter stark in diesem bedeutenden Automobilmarkt präsent zu sein. Nicht in China zu sein ist keine Option für Webasto.
Einer unserer Ansätze ist eine stärkere Ansprache von lokalen OEMs. Die zählten zwar schon in der Vergangenheit zu unseren Kunden, aber mit unter 20 Prozent trugen die Geschäfte mit ihnen mit einem eher geringen Anteil zum Umsatz in der Region bei.
Produktseitig fokussieren wir uns in China auf Dächer gerade auch für die E-Mobilität, vor allem Dächer, die sich öffnen lassen. Damit wir noch gezielter auf die Anforderungen und Geschmäcker chinesischer Autofahrer eingehen können, setzen wir verstärkt auf regionale Entwicklungsteams. Bisher hatten diese bereits Technologien, die wir in Deutschland entwickelt hatten, adaptiert. Jetzt soll es darum gehen, eigenständige lokale Lösungen zu entwickeln.
Da wir seit den 1970er Jahren in den USA mit eigenen Produktionsstätten vertreten sind, waren wir bislang von der Zoll-Thematik nicht so stark betroffen. Auch die Teile, die an unseren beiden mexikanischen Standorten in Irapuato und Puebla produziert werden, sind dank des Abkommens zwischen den USA, Mexiko und Kanada von Zöllen befreit.
Anders sieht es mit Lieferungen aus China aus: Hier eruieren wir kontinuierlich Strategien, um die Auswirkungen auf Webasto abzumildern, beispielsweise durch eine strategische Wahl von Lieferanten. Wir gehen aktuell davon aus, dass uns die aktuelle Zollpolitik der Trump-Administration 20 bis 40 Millionen Euro im Ergebnis kosten wird.
Ich würde aktuell nichts ausschließen wollen. Zum aktuellen Restrukturierungsprozess gehört, dass wir unser Produktportfolio kritisch überprüfen – was lohnt sich weiterhin in welchen Märkten anzubieten, womit können wir mittelfristig wettbewerbsfähig bleiben? Hierzu laufen die Analysen. Es ist jedoch mein Anspruch, in jedem unserer Geschäftsfelder Marktführer beziehungsweise unter den Top-3-Lieferanten zu sein.