Frankfurt/Paris. Die Schmiergeldaffäre in der deutschen Autoindustrie hat erstmals auch einen Unternehmenschef den Job gekostet – allerdings in Frankreich. Pierre Lévi, Top-Manager des zu Peugeot Citroën gehörenden Zulieferers Faurecia, hatte zugegeben, dass er seit 2001 von Bestechungsgeldern wusste, die seine Mitarbeiter an Einkäufer von Volkswagen, Audi, und BMW zahlten. Daraufhin forderte VW-Chef Bernd Pischetsrieder die Ablösung Lévis.
Schließlich wurde der Druck zu groß, am Mittwochabend trat Lévi wegen "der Entwicklung der gegenwärtig in Deutschland geführten Untersuchungen" zurück. Vor wenigen Tagen hatte die Frankfurter Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass sie gegen Lévi als Beschuldigten ermittelt – wegen des Verdachts der Beihilfe zur Bestechung. "Ich denke, das war der Anlass für den Rücktritt", sagte eine Sprecherin am Donnerstag. Darüber hinaus gebe es in dem Verfahren keinen neuen Stand. Lévi habe zugesagt, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Er wolle weiteren Schaden vom Unternehmen abwenden, wurde der Manager nach einer Sitzung des Faurecia-Verwaltungsrates in Nanterre zitiert. Bis September sollen jetzt Verwaltungsratspräsident Jean-Claude Hanus sowie Finanzchef Frank Imbert das Unternehmen provisorisch führen.
Aus Sicht des Hauptgeschäftsführers der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie (ArGeZ), Klaus Urbat, dient der Rücktritt Lévis auch dem Ansehen der Branche. "Das zeigt zumindest, dass noch nicht alle Hoffnung verloren ist." Kriminelles Handeln wird nach seiner Einschätzung begünstigt durch den teilweise gewaltigen Preisdruck, den Hersteller auf ihre Zulieferer ausüben: "Das Bestreben, dass sich eine Seite zu Lasten der anderen Seite einen Vorteil verschaffen will, kann auf Dauer nicht gut gehen." Urbat betonte, dass es sich bei den aktuellen Vorwürfen um Einzelfälle handele.
Die leitende Ermittlerin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Sibylle Gottwald, hatte den Verdacht geäußert, "dass ähnlich wie in der Baubranche, auch in der Autoindustrie Schmiergeldzahlungen an der Tagesordnung sind und stillschweigend geduldet werden". Die Zuliefererindustrie gilt als Wachstumsbranche mit glänzenden Aussichten, aber auch mit einem knallharten Wettbewerb.
Französische Zeitungen führten Lévis Rücktritt maßgeblich auf den Einfluss von VW-Chef Pischetsrieder zurück. Er hatte in einem Brief an den Chef der Faurecia-Mutter PSA Peugeot Citroën, Jean Martin Folz, Lévis Abgang gefordert. Der VW-Konzern werde nicht mehr mit Lévi zusammenarbeiten, hieß es in dem Schreiben. Das Wohlwollen des Wolfsburger Autobauers ist für die Franzosen wichtig, VW ist einer der wichtigsten Kunden. In der Zeitung "La Tribune" muss auch VW harte Kritik einstecken: "Indem man Faurecia angreift, will VW sich rein waschen", zitiert das Blatt einen nicht namentlich genannten Industriellen aus der Branche.
Bei VW habe es ein System gegeben, das Zulieferer gezwungen habe, unter dem Tisch zu zahlen, um Aufträge zu bekommen. VW wies die Vorwürfe zurück. Zum Rücktritt Lévis wollte ein Sprecher am Donnerstag nichts sagen: "Zu Personalien bei unseren Geschäftspartnern äußern wir uns grundsätzlich nicht." Die Staatsanwälte werfen Faurecia vor, seit 1998 Schmiergelder im Umfang von zuletzt 600.000 bis 800.000 Euro jährlich gezahlt zu haben. Als Köder für Aufträge sollen Mitarbeiter neben Bargeld auch Möbel, Urlaubsreisen und Jobs, zum Beispiel für die Freundin eines Beschuldigten, eingesetzt haben.
Lévi ist einer von 20 Beschuldigten. Elf Zulieferer sind betroffen. Ob außer VW, Audi und BMW auch noch gegen andere Hersteller ermittelt wird, ließen die Behörden bislang offen. Andeutungen zufolge könnte auch die spanische VW-Tochter Seat betroffen sein. (dpa-AFX/tb)