Hannover. Der Hannoveraner Zulieferer Continental will in den kommenden Jahren massiv zukaufen, muss dafür aber wahrscheinlich eine eigene Aktionärsversammlung einberufen. Auf der Hauptversammlung am Freitag, auf der Vorstandschef Manfred Weenemer als Ziel der Zukäufe eigens eine Sparte des US-Reifenkonzerns Goodyear erwähnte, versagten die Anteilseigner überraschend die beantragte Kapitalerhöhung. Wennemer sagte, beim Thema Akquisitionen sei "ganz gewiss nicht das Ende der Fahnenstange" erreicht. Conti habe Interesse an einem Kauf des Schlauchspezialisten Goodyear Engineered Products. Das Unternehmen wäre eine "wunderbare Ergänzung" des Conti-Konzernbereichs ContiTech. Goodyear Engineered Products sei stark in den USA, ContiTech in Europa. Conti habe aber noch nicht entschieden, ein Angebot abzugeben. Goodyear Engineered Products produziert neben Schläuchen etwa auch Luftfedern. Der Reifenkonzern Goodyear hatte angekündigt, die Sparte verkaufen zu wollen.
Am Vortag hatte Conti einen um elf Prozent gestiegenen Quartals- Umsatz von 3,6 Milliarden Euro und einen Gewinn nach Steuern von 221,9 (Vorjahresquartal: 166,4) Millionen Euro vorgelegt. Anfang April war von Conti der Kauf der Autoelektroniksparte von Motorola für rund 830 Millionen Euro bekannt gegeben worden. Damit steigt Conti groß in das Wachstumsfeld Telematik ein. Ende Februar nannte Wennemer für Zukäufe eine Summe von bis zu vier Milliarden Euro. Für den Ende 2004 übernommenen Hamburger Zulieferer Phoenix hatte Conti eine knappe halbe Milliarde Euro bezahlt. Mit Phoenix wurde der Konzernbereich ContiTech gestärkt. Einen möglichen Börsengang der ContiTech AG bezeichnete Wennemer als "interessante Option für den Bedarfsfall". Aktuelle Pläne gebe es aber nicht.
Die Conti-Aktionäre lehnten überraschend eine Ermächtigung des Vorstands für eine mögliche Kapitalerhöhung ab. Die notwendige Drei-Viertel-Mehrheit für diesen Vorratsbeschluss wurde nicht erreicht. Wennemer sagte, dies sei "kein Beinbruch, aber auch nicht schön". Für den Fall einer sehr großen Akquisition müsste Conti nun eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, die einer Kapitalerhöhung zustimmt.
Wennemer bekräftigte, Conti erwarte 2006 erneut Bestmarken bei Umsatz und Gewinn. Dabei müsse der Konzern aber die 'dramatischen' Veränderungen der Rohstoffpreise sehr genau im Auge behalten. Wennemer schloss weitere Preiserhöhungen nicht aus. Er sagte zudem, der Konzern setze weiter auf Niedrigkosten. Continental werde aber nicht 'verlagern um des Verlagerns willen'. Conti wolle in dem bereits voll entbrannten Konsolidierungsprozess in der Branche zu den Gewinnern zählen. Zugleich verteidigte Wennemer die umstrittene Schließung der Pkw-Reifenproduktion mit 300 Beschäftigten am Stammsitz Hannover sowie Teil-Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau in den USA. Diese "harten und schmerzvollen Entscheidungen" seien notwendig. Das defizitäre US-Reifengeschäft ist derzeit das größte Conti- Sorgenkind. Wennemer sprach zwar von einer "zunehmend positiven Wirkung" der Sanierung des US-Reifengeschäfts. Wann dort aber wieder schwarze Zahlen geschrieben werden, ließ er offen. Conti hätte in den USA früher und schneller restrukturieren müssen. Die Gefahr eines Rückzugs vom US-Reifenmarkt sei aber gegenwärtig "praktisch nicht vorhanden". Conti sei von einem Rückzug viel weiter weg als vor einem Jahr.
Scharfe Kritik am Continental-Management äußerte ein Vertreter der US-Metallarbeitergewerkschaft. Notwendige Investitionen in die Werke seien ausgeblieben, ebenso wie die Entwicklung neuer Produkte für den nordamerikanischen Markt. Für Management-Fehler müssten nun die Beschäftigten büßen, und zwar mit drastischen Kürzungen bei Einkommen und Sozialleistungen. (dpa/feb)