Frankfurt/Main. Die Korruptionsaffäre in der deutschen Autobranche könnte nach Einschätzung der Frankfurter Staatsanwaltschaft ein weit verzweigtes Netz von Schmiergeldzahlungen ans Licht bringen. Inzwischen werde bereits gegen elf Zulieferer und mindestens drei Hersteller ermittelt. "Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern dass ähnlich wie in der Baubranche auch in der Autoindustrie Schmiergeldzahlungen an der Tagesordnung sind und stillschweigend geduldet werden", sagte die leitende Ermittlerin der Justizbehörde, Sibylle Gottwald, am Freitag in Frankfurt. Hintergrund sei der ungeheure Preisdruck in der Branche, der die Unternehmen dazu verführe, sich mit Bestechungsgeldern Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.
Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt ermittelt außer gegen französischen Autozulieferer Faurecia gegen vier weitere Zulieferer mit Sitz in Deutschland sowie anderen Ländern, die Strafverfolger in München sogar noch gegen sechs andere Firmen. Namen wurden nicht genannt. Bei den Autokonzernen, an die die Schmiergelder geflossen seien, handelt es sich um Volkswagen, Audi und BMW. Ob auch noch andere Hersteller in Mitleidenschaft gezogen sind, ließ Gottwald offen.
Insgesamt seien 20 Mitarbeiter von Unternehmen in der Autobranche beschuldigt. Drei saßen oder sitzen noch in Untersuchungshaft, darunter zwei Angestellte von Faurecia und ein Einkaufsmitarbeiter von Audi. Faurecia-Chef Pierre Lévi hat nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft seit 2001 von den Schmiergeldzahlungen gewusst. Er gilt in den Ermittlungen ebenfalls als Beschuldigter und habe gegenüber der Justizbehörde auch ein Geständnis abgelegt. Im Jahr 2001 hatte Faurecia eine deutsche Tochter des Zulieferers Sommer Allibert übernommen und das dort seit 1998 gebräuchliche Schmiergeldsystem "mit eingekauft", wie Gottwald es formulierte. Seither war Lévi über die Vorgänge informiert, habe die Zahlungen aber nicht verhindert. Er habe sich damit "zumindest der Beihilfe schuldig gemacht", meinte die Staatsanwältin.
Bei Faurecia, einer Tochter des Autokonzerns PSA (Peugeot, Citroën), ging es um Bestellungen von Autositzen und anderer Innenausstattung. Die verdächtigten Faurecia-Mitarbeiter sollen Bargeld in sechsstelliger Höhe pro Jahr an Einkäufer der Autokonzerne gezahlt haben, um zusätzliche Aufträge zu ergattern. Außerdem seien Möbel und Urlaubsreisen finanziert und der Freundin eines Geschäftspartners bei Audi ein neuer Job zur Verfügung gestellt worden. Prostitution wie in der Korruptionsaffäre bei VW sei nach den bisherigen Erkenntnissen nicht im Spiel.
Den Beschuldigten drohen im Fall einer Anklage und Verurteilung Freiheitsstrafen. Das Ermittlungsverfahren läuft bereits seit Mitte 2005, Auslöser war ein Hinweis der Finanzbehörden. Die Autokonzerne würden die Arbeit der Staatsanwaltschaft "vorbildlich unterstützen", unterstrich Gottwald.
Volkswagen hatte am Donnerstag selbst Strafanzeige bei der Frankfurter Justizbehörde gestellt. Die Ermittlungen zu Faurecia werden ab sofort von der Mainmetropole aus koordiniert. (dpa/feb)