Frankfurt. Es könnte heiß her gehen, in den nächsten Tagen in Wolfsburg. Ab Mittwoch trifft sich der VW-Aufsichtsrat zur großen zweitägigen Klausur. Einige der neuen Mitglieder wie etwa Porsche-Chef Wendelin Wiedeking werden wahrscheinlich mit von der Partie sein. Vor allem die Konzernstrategie – etwa für das verlustreiche China- und US-Geschäft – aber auch die künftige Modellpolitik stehen dem Vernehmen nach auf dem Tagesprogram. Angeblich hat die Arbeitnehmerseite die außerordentliche Aufsichtsratssitzung hierzu eingefordert. Zudem werde Konzernchef Bernd Pischetsrieder sein Sanierungsprogramm für den Wolfsburger Autobauer vorlegen. Für Pischetsrieder wird es wahrscheinlich kein leichter Gang werden. Denn die Arbeitnehmer haben sich offenbar vorgenommen, ihre zuletzt durch die VW-Affäre ins Wanken geratene Macht wieder zu stärken und seine Strategie bis aufs letzte zu hinterfragen. Eine der wohl spannendsten Fragen dieses Treffens aber lautet: Wird das Gremium auch über die vorzeitige Verlängerung von Pischetsrieders Vertrag abstimmen? Und würde der VW-Chef überhaupt die notwendige Mehrheit bekommen?
Aufsichtsrats-Chef Ferdinand Piech hatte Anfang März in einem Interview erklärt, er sehe ein Patt im Kontrollgremium: die Kapitalseite für, die Arbeitnehmerseite gegen Pischetsrieder. Ob dies aber stimmt, ist fraglich. Selbst für Beobachter mit direktem Draht in den Aufsichtsrat scheint derzeit noch alles offen – auch, ob es überhaupt schon zur Abstimmung kommt. Pischetsrieders Vertrag läuft Anfang 2007 aus, doch ist es in der Branche üblich, die Anstellung bereits ein Jahr vorher zu verlängern. Die Vertreter der beiden größten VW-Aktionäre, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und Wiedeking hatten daher in den vergangenen Wochen für eine Vertragsverlängerung schon jetzt auf dem April-Treffen die Werbetrommel gerührt. Doch mit ihren Bemühungen um eine baldige Absicherung für den Konzernchef trafen beide auf den geballten Widerstand der Arbeitnehmervertreter im Gremium. Auch die Versuche, zumindest IG Metall Chef Jürgen Peters oder VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh noch auf ihre Seite zu ziehen, scheinen erfolglos gewesen zu sein. Osterloh etwa hat bereits erklärt, man könne Pischetsrieder jetzt nicht einfach einen "Freibrief" ausstellen.
Die Arbeitnehmerseite hat unmissverständlich deutlich gemacht, dass mit ihr ein Votum über eine Verlängerung des Vertrages frühestens nach der Hauptversammlung am 3. Mai zu machen ist. Dann nämlich, wenn auch der Aufsichtsrat endgültig in seiner neuen Besetzung bestellt ist. Und mehr noch: Wulff und Wiedeking sollten sich gut überlegen, ob sie das Klima mit einer Abstimmung schon vor der HV bewusst verderben wollen, tönt es im Arbeitnehmerlager. Die Botschaft ist eindeutig: Das Management muss sich ansonsten auf ein zähes Ringen mit den Belegschaftsvertretern bei der geplanten Restrukturierung einstellen. Um die dringend notwendige Sanierung endlich durchzuführen, braucht Pischetsrieder jedoch die volle Unterstützung aller Seiten. Bis zu 20.000 Stellen stehen auf dem Prüfstand. Seit einigen Wochen verhandeln Management und Belegschaftsvertreter nun schon über die einzelnen Maßnahmen. Nur wenig ist bisher über die Details nach außen gedrungen. Das Nachrichtenmagazin "Focus" berichtete zuletzt, der Konzern plane an den deutschen Standorten eine drastische Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich. Das Kalkül der Arbeitnehmer jetzt scheint zu sein: Pischetsrieder noch möglichst lange zappeln und um seinen Job bangen zu lassen und damit möglicherweise noch Zugeständnisse bei der anstehenden Restrukturierung herauszupressen. Ob die Arbeitnehmerseite für die Verlängerung seines Vertrages stimmen werde, hänge gravierend von der künftigen Strategie ab, heißt es denn auch im Aufsichtsrat. Und auch ein möglicher Verkauf oder eine Verselbstständigung der VW-Komponentenwerke, wie es im Vorstand angedacht wird, sei mit den Arbeitnehmern nicht zu machen.
Undurchsichtig bleibt unterdessen die Rolle von Aufsichtsratschef Piech. Er selbst hatte mit seinen Aussagen über den angeblichen Gleichstand im Aufsichtsrat das große Rätselraten über Pischetsrieders Zukunft erst ausgelöst. Inzwischen hat der Porsche-Enkel und frühere VW-Chef Piech aber beteuert, bei einem Patt sein Vetorecht als Aufsichtsratschef zu nutzen und für seinen Nachfolger Pischetsrieder zu stimmen. Dessen ungeachtet ebben die Spekulationen nicht ab. Gezielt wurden in den vergangenen Wochen die Namen möglicher Pischetsrieder-Nachfolger gestreut. Neben Audi-Chef Martin Winterkorn wurde zuletzt auch GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster genannt. Der ließ durch einen Sprecher offiziell dementieren, inoffiziell heißt es, es habe keinerlei Gespräche mit Forster gegeben. Und auch ein Aufsichtsrat vermutet: dies seien lediglich "Gedankenspiele". (dpa-AFX)