Bergisch Gladbach. In den USA sind von Januar bis Juni mehr als 11,3 Millionen Autos zurückgerufen worden. Im ersten Halbjahr 2012 waren es noch 4,8 Millionen. Damit könnte im Gesamtjahr der Negativ von 2010 gebrochen werden, als 18 Millionen Fahrzeuge zurück in die Werkstätten mussten. Die Studie "Rückruf-Trends der globalen Autohersteller" des Center of Automotive nutzt die USA aufgrund ihrer Größe, ihrer scharfen Gesetzeslage sowie des hohen Klagerisikos als Referenzmarkt.
Die Rückrufquote lag im ersten Halbjahr bei 142 Prozent, das heißt, die Hersteller riefen 42 Prozent mehr Fahrzeuge zurück als in diesem Zeitraum verkauft wurden. Von Rückrufen sind oft auch Fahrzeuge früherer Baujahre betroffen. Besonders stark betroffen waren die Hersteller BMW, Chrysler und Hyundai/Kia. BMW kam im ersten Halbjahr auf eine Rückrufquote von 334 Prozent, was einer absoluten Zahl von von einer halben Million Fahrzeugen entspricht. Gründe für die Rückrufe waren Probleme mit der Spannungsversorgung und den Airbags. Bei Chrysler mussten 2,85 Millionen Autos in die Werkstätten, was eine Quote von 314 Prozent bedeutet. Hier lagen die Gründe vor allem in der Feuergefahr im Falle eines Auffahrunfalls und Getriebefehlern. Defekte Bremslichter und Tempomate sorgten bei Hyundai und der Tochtermarke Kia für 1,87 Millionen Rückrufe, die Quote betrug 294 Prozent.Für BMW ist es bereits das vierte Jahr in Folge mit einer hohen Zahl von sicherheitsrelevanten Mängeln. Auch Chrysler kämpft seit Jahren mit Problemen. Im Juni hatte sich der Konzern zunächst geweigert, Jeep-Modelle zurückzurufen, später gab er jedoch nach. Anfang Juli musste der Hersteller erneut 840.000 Fahrzeuge in die Werkstätten beordern.Rückrufkönig BMW
Für die Hersteller sind Rückrufe gleich aus zwei Gründen problematisch: Erstens kostet die Reparatur der Fahrzeuge, die in aller Regel auf ihre Kosten erfolgt, viel Geld und zweitens wirken sich Rückrufe, vor allem, wenn sie häufig auftreten und viele Fahrzeuge betreffen, negativ auf das Image der Marke in der Öffentlichkeit aus. Vor einigen Jahren musste Toyota Millionen von Autos weltweit zurückrufen und leidet noch heute unter den Folgen, obwohl der Konzern später durch Untersuchungen der Nation Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) entlastet wurde. In den vergangenen Monaten musste VW viele Fahrzeuge unter anderem in China zurückrufen, weil es Probleme mit dem Doppelkupplungsgetriebe gab.
Die Studie zeigt, dass sicherheitsrelevante Qualitätsmängel ein wichtiges Thema für die Branche bleiben. Von den 11,3 Millionen Rückrufen in den USA im ersten Halbjahr entfielen 38 Prozent auf Probleme mit Insassenschutzeinrichtungen, 29,5 Prozent auf Defekte an elektrischen Baugruppen und 27 Prozent auf Mängel an den Motoren.Die steigende Zahl der Rückrufe begründet Studienleiter Stefan Bratzel mit der zunehmenden Verlagerung von Wertschöpfung auf die Zulieferer sowie der größeren Verbreitung von Plattform-Strategien. Diese sparen den Hersteller zwar enorm viel Geld, haben aber auch einen gravierenden Nachteil: Fehler in einzelnen Bauteilen können sich damit schnell auf Millionen von Fahrzeugen auswirken. Der Wertschöpfungsanteil der Zulieferer liegt mittlerweile bei rund 75 Prozent. Als weitere Gründe nennt Bratzel den steigenden Kostendruck, den die Hersteller auf die Zulieferer ausüben, sowie die im Vergleich zu früher deutlich verkürzten Entwicklungszeiten. Manche Hersteller hätten bei ihrem enormen Wachstum in den vergangenen Jahren das Qualitätsmanagement vernachlässigt. In Deutschland liegt die Zahl der Rückrufe ebenfalls auf einem hohen Niveau: Im vergangenen Jahr hat das Kraftfahrt-Bundesamt 162 Rückrufe veranlasst, von denen insgesamt 824.000 Autos betroffen waren.Nach Ansicht von Bratzel wird die Zahl der Rückrufe auch in Zukunft auf einem hohen Niveau bleiben und vielleicht sogar noch steigen. Erstens geht der Trend aus Kostengründen zu mehr Gleichteilen und zweitens wird die Elektronik in Fahrzeugen (Stichwort Car-to-Car-Kommunikation) immer komplexer und damit anfälliger für Fehler. "Aufgrund des hohen Verwundbarkeitsrisikos muss daher die Produktqualität über die Wachstumsziele der Unternehmen gestellt werden und neben sicherheitstechnischen Minimalanforderungen globale Standards für die Marken definiert und implementiert werden", fordert er.