Die deutsche Autobranche sieht mit dem angekündigten "harten Brexit" große Probleme auf Großbritannien zukommen. "Ich habe nicht den Eindruck, dass der Regierung in London bewusst ist, auf was sie sich einlässt", sagte Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Die Signale der Briten stärken leider nicht das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit Großbritanniens als Industriestandort." Das Bekenntnis der Regierung in London zum Freihandel bezeichnete er als unglaubwürdig. Die Autoindustrie sei "tief besorgt wegen der protektionistischen Tendenzen" nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Großbritannien.
"Rosinenpicken funktioniert nicht"
Großbritannien ist ein wichtiger Auslandsmarkt der deutschen Autobauer, knapp ein Fünftel der Exporte gehen dorthin. Zudem gibt es zahlreiche Produktionsstätten auf der Insel. Am stärksten wäre wohl BMW betroffen, dessen Tochtermarken Mini und Rolls-Royce in Großbritannien beheimatet sind.
Die Ankündigung von Premierministerin Theresa May, neben dem Binnenmarkt auch die Zollunion aufzukündigen, verstärkt Wissmanns Bedenken noch. Dass die Briten ein Freihandelsabkommen mit der EU aushandeln können, bevor sie im Frühjahr 2019 aus der EU ausscheiden, glaubt der frühere Verkehrsminister nicht. "Die Briten schaffen damit eine hochkomplexe Verhandlungsaufgabe. Sie begeben sich in ein Labyrinth von Vertragsverhandlungen. Das wird in London unterschätzt", sagt er. "Ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der EU binnen zwei Jahren hinzubekommen ist unrealistisch." Die Einschätzung wird von den meisten Handelsfachleuten geteilt. "Es wird länger dauern und bringt damit eine jahrelange Unsicherheit, die schädlich ist für den britischen Wirtschaftsstandort", sagt Wissmann. Nach dem Brexit könnte den Regeln der Welthandelsorganisation WTO zufolge ein Zoll von zehn Prozent auf Autoexporte erhoben werden.
Brexit-Befürworter haben immer wieder argumentiert, die EU werde ihnen politisch entgegenkommen, um die Erfolge der deutschen Autobauer nicht zu gefährden. Dieser Meinung widerspricht Wissmann klar: "Aber wenn manche in London denken, wir würden uns deshalb zum Vehikel britischer Interessen machen lassen, dann täuschen sie sich." Die deutschen Autobauer hätten "auch eine europapolitische und staatspolitische Verantwortung." Die Idee, die Briten könnten sich aussuchen, was ihnen gefällt, lehnt er ab: "Rosinenpicken funktioniert nicht."
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