Friedrichshafen. Besser hätte es für den Getriebehersteller ZF Friedrichshafen kaum laufen können: Auf dem Weg des Zulieferers, sich im Bereich Windkraft als ernsthafter Wettbewerber zu etablieren, ist die komplette Übernahme des börennotierten Windkraftgetriebeherstellers Hansen nur noch eine Formsache. Nach dem öffentlichen Übernahmeangebot von ZF an die Hansen-Aktionäre besitzt der drittgrößte deutsche Autozulieferer nun 96,3 Prozent der Anteile an dem belgischen Unternehmen. Der Zulieferer vom Bodensee rechnet nun damit, dass Hansen noch im November von der Londoner Börse genommen wird. ZF hat für das Unternehmen, das zuletzt mit 1450 Mitarbeitern knapp 400 Millionen Euro Umsatz erzielt hat, rund eine halbe Milliarde Euro bezahlt.
Den Kaufpreis will der ZF-Vorstandsvorsitzende Hans-Georg Härter in acht bis neun Jahren wieder verdient haben. "Nach einer Phase der Flaute ist die Windkraft wieder deutlich im Aufwind“, betont der ZF-Chef. Damit haben die Friedrichshafener einen entscheidenden Schritt auf dem Weg gemacht, die Abhängigkeit vom Automobilgeschäft weiter zu verringern. "Derzeit liegt dieser Anteil bei 13 bis 14 Prozent“, so Härter. Angestrebt wird eine Größenordnung von 15 bis 20 Prozent. Bis zum Jahr 2015 will der Zulieferer mit Produkten für die Windenergie inklusive Serviceleistungen circa eine Milliarde Euro Umsatz erreichen. Wie bei der Windkraft soll dabei die bestehende ZF-Technologie auf andere Anwendungsfelder wie jetzt bei der Windkraft übertragen werden."Als ein führender Automobilzulieferer verfügen wir über jahrzehntelanges Produkt- und Prozess-Know-how. Damit heben wir uns von unserem Wettbewerbern ab“, ist Michael Paul überzeugt. Der Vorstand ist bei ZF innerhalb der Division Industrietechnik für das Geschäftsfeld Windkraft-Antriebssysteme verantwortlich. Härter sieht ZF im Bereich Windenergie jedenfalls auf einem guten Weg: Mit der Hansen-Übernahme zählt ZF unter den Herstellern von Windkraftgetrieben neben der Bosch-Tochter Rexroth und Winergy auf Anhieb weltweit zu den drei führenden Anbietern. Ein Ziel des Zulieferers ist es, sich die bedeutenden Windkraftmärkte in Asien und Europa zu erschließen. Vor dem Zukauf hatte sich ZF bei der Windenergie auf den US-Markt und seine weltweiten Windkraft-Serviceaktivitäten konzentriert.Weniger Abhängigkeit vom Auto
Der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen baut das Geschäft mit Windkraftgetrieben massiv aus - das erste Werk wurde bereits eröffnet.
Breite Leistungspalette
Inklusive der selbst entwickelten Technologie und des Know-hows von Hansen "sind wir dann ein Vollsortimenter“, erklärt Härter. Dank Hansen verfügt ZF neben dem eigenen jüngst in Gainesville (US-Bundesstaat Georgia) eröffneten Werk für Windkraftgetriebe dann über Standorte in Lommel (Belgien), Tianjin (China) und Coimbatore (Indien). Das Portfolio umfasst Aggregate von einem bis zu 6,5 Megawatt.
Nach Abschluss der Hansen-Übernahme wird ZF im Bereich Windkraftgeriebe einen Weltmarktanteil von rund 25 Prozent erreichen. Härter ist davon überzeugt, dass sich Hansen und ZF technologisch befruchten werden. Langfristig werde es aber nur noch eine Produktreihe geben und der Name Hansen vom Markt verschwinden.Das Werk in Gainesville hat ZF Ende September nach acht Monaten Bauzeit eröffnet. Rund 70 Millionen Euro hat der Zulieferer dafür investiert. Ab dem Jahr 2012 beliefert das Unternehmen von dort aus den Weltmarktführer für Windenergieanlagen Vestas zunächst exklusiv mit Getrieben der Zwei-Megawatt-Leistungsklasse. Damit soll der Bedarf von Vestas für den nordamerikanischen Markt abgedeckt werden. Bislang hat der deutsche Konzern zwei Prototypen an Vestas ausgeliefert. Die ZF-Kundenbasis soll aber weiter ausgebaut werden. In Gainesville startet der Zulieferer zunächst mit rund 110 Mitarbeitern. Bis zum Jahresende werden es 130 sein. Im Jahr 2013 sollen dann mit 250 Mitarbeitern rund 200 Millionen Dollar Umsatz erreicht werden.Der Produktionsstart des Werks ist für April 2012 geplant. Bis Ende des Jahres sollen 500 Getriebe vom Tpy Atlas 1 hergestellt werden. Für 2013 ist ein Ausstoß von 1000 Getrieben vorgesehen. Zudem lässt sich das Werk auf eine Jahreskapazität von 1500 Einheiten ausbauen. 95 bis 98 Prozent der Teile bezieht ZF lokal.
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