München. Nichts rührt sich mehr auf der alten Entladestation in Eisenach. Normalerweise rollen hier die Züge aus Saragossa ein, die Karosserieteile für den Kleinwagen Corsa anliefern. Doch die Fertigung in Spanien wurde gestoppt. Auch in den Werkshallen des ostdeutschen Opel-Standorts ist gespenstische Ruhe eingekehrt: Die Bänder stehen für drei Wochen still. Zwangsurlaub ist nicht nur bei Opel angesagt. Die Automobilproduktion läuft fast überall auf Sparflamme – die Pkw-Nachfrage ist weltweit dramatisch eingebrochen. Eine Schreckensmeldung jagt die nächste: Produktionskürzungen bei Daimler, VW und Toyota, vorübergehende Werksschließungen bei Fiat, BMW und Ford, Stellenabbau bei Volvo, Renault und Nissan. Die Abwärtsspirale zieht auch ein Heer von Zulieferern mit sich. Aber ist die Krise erst jetzt in der Vorzeigeindustrie angekommen? War sie nicht schon längst da? „Ab Juli war zu erkennen, dass die Nachfrage drastisch zurückgehen wird“, sagt Analyst Georg Stürzer von der HypoVereinsbank. „Die Finanzkrise ist nicht der Auslöser der aktuellen Probleme der Autoindustrie, aber sie verschärft sie erheblich“, ergänzt August Joas von der Unternehmensberatung Oliver Wyman.
Die Finanzkrise bietet den Konzernen aber auch die Möglichkeit, vom eigenen Versagen abzulenken. Im September wurden in Europa 1,3 Millionen Pkw weniger verkauft als im Vorjahresmonat. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) spricht von einem „Schatten“, den die Finanzmarktkrise auf die Pkw-Nachfrage werfe. Doch dunkle Wolken hatten sich lange vor der Finanzkrise angekündigt – in Form von weltweiten Absatzproblemen, so Unternehmensberater Joas: „Die Autobranche kämpft seit Jahren mit Überkapazitäten. Alle wollten im Profit und bei der Stückzahl wachsen.“ So hatte Carl-Peter Forster, Chef von General Motors Europe, schon vor dem Crash 30 Prozent mehr Autos auf Halde als sonst. Und BMW drückte Autos mit niedrigen Leasingraten in den Markt, um die Produktion auszulasten. Die schwer verkäuflichen Leasingrückläufer verderben nun die Bilanz.
Zu den hausgemachten Problemen kommen externe hinzu: Zum einen drücken der anhaltend schwache Dollar und die steigenden Rohstoffpreise auf den Gewinn, zum anderen werden die deutschen Kunden durch die andauernden Diskussionen über Kfz-Steuer und CO2-Grenzwerte verunsichert. Die hohen Spritpreise sorgen für zusätzliche Kaufzurückhaltung. Die deutliche Nachfrageverschiebung hin zu sparsameren und preiswerteren Autos in Europa und den USA traf die Hersteller unvorbereitet – obwohl sie absehbar war. Doch die Autos wurden „lieber drei Prozent schneller als drei Prozent sparsamer gemacht, weil das kurzfristig mehr Geld brachte“, sagt Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut Global Insight. Big galt als beautiful: Audi stellte den Zwölfzylinder-Dieselmotor im Geländewagen Q7 vor, BMW präsentierte den wuchtigen X6 – blies dann aber das geplante Luxus-SUV X7 ab.