Osnabrück. Seit sechs Jahren hat Auftragsfertiger Karmann keinen Neuauftrag für ein Gesamtfahrzeug erhalten. Automobilwoche sprach mit Peter Harbig, Sprecher der Geschäftsführung, über die Krise des niedersächsischen Traditionsunternehmens.
"Keine Arbeitsplätze aufs Spiel setzen"
Ja. Wir werden dann am Standort Rheine den Fahrzeugbau schließen. Und zwar nach Auslauf des Audi A4 Cabrio. Davon wären dann rund 900 Beschäftigte betroffen. Etwa 100 bis 150 Mitarbeiter werden in Rheine weiter in der Dachproduktion arbeiten. An unserem Stammsitz in Osnabrück gab es schon Ende vergangenen Jahres, nach Auslauf der Chrysler Crossfire-Produktion, die erste Personalanpassung. Sollte es bis zum Stichtag doch noch ein Letter of Intent mit einem Kunden geben, würden wir den Fahrzeugbau natürlich weiter betreiben.
Wir rechnen folgendermaßen: Für einen Auftrag im Fahrzeugbau benötigt man minimal eine Entwicklungßeit von 24 Monaten. Sollte dieser also bis Mitte des Jahres vorliegen, könnten wir im Juli oder August 2010 mit der Produktion eines Autos beginnen. Da das Mercedes CLK Cabrio Ende 2009 ausläuft, müssten wir einen Zeitraum von bis zu einem Jahr überbrücken. Dazu wären wir bereit.
Da ist keine seriöse Schätzung möglich. Unser Kampf um einen Auftrag endet erst am 30. Juni - um Mitternacht. Aber wir stellen das Unternehmen Karmann auch nach Wegfall des Fahrzeugbaus nicht infrage. Ganz im Gegenteil. Die anderen drei Unternehmensbereiche sind gut bis sehr gut im Markt aufgestellt.
Historisch betrachtet steht das Unternehmen Karmann zwar für den Karosserie- und Fahrzeugbau, aber mittlerweile machen wir einen Großteil unseres Umsatzes mit der technischen Entwicklung, den Cabriodächern, dem Betriebsmittelbau und der Spezialserie. Beispielsweise haben wir im stark wachsenden Segment Cabriodächer 2007 rund 170.000 Stück ausgeliefert. Bis 2012 oder 2013 wollen wir eine Größenordnung zwischen 300.000 und 350.000 Dächern erreichen. Die Basis für diese Zahlen sind nicht Akquisitionsprojekte, sondern fest verbuchte und unterschriebene Aufträge und Programme.
Das ist richtig. Und zwar unabhängig davon, ob wir noch einen Auftrag für ein Fahrzeug erhalten. Aufträge zum Bau von Gesamtfahrzeugen sind nicht planbar.
Ja. Dafür sprechen mehrere Faktoren. Der Trend zur Individualisierung stärkt die Nachfrage nach Nischenfahrzeugen. Bei Jahresstückzahlen unter 15.000 Einheiten wird es für die Fahrzeughersteller wieder interessant, solche Projekte auszulagern.
Zumindest lässt sich eine Fahrzeugfertigung nicht innerhalb weniger Wochen reaktivieren. Wir haben aktuell mehr als 3000 Mitarbeiter außerhalb der Fahrzeugproduktion. Diese Arbeitsplätze werden wir auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen. Wir akzeptieren die Entscheidung unserer Kunden und werden konsequent danach handeln.
Das Interview führte Klaus-Dieter Flörecke