München. Lisa ist heiß begehrt. Die 23-Jährige hat sich an der FH München für Maschinenbau eingeschrieben. In fünf Jahren werden sich die Unternehmen um sie reißen. Schon bald werden sie versuchen, sie mit einem Praktikum zu locken, später, mit einer Abschlussarbeit an sich zu binden. Nachwuchsingenieure sind ein rares Gut. Weibliche erst recht. Theoretisch könnte Lisa optimistisch in die Zukunft schauen. Doch die Praxis sieht anders aus. Schon der Einstieg ist problematisch. Ein Krippenplatz für ihre Tochter muss her. Doch die günstigen Plätze über das Studentenwerk sind schwer zu bekommen. Berufstätige Frauen stehen alle vor demselben Problem: Elterninitiativen wie die BMW-Strolche oder die Sternchen-Kinderkrippe von Daimler werden dem Ansturm nicht gerecht. Selbst wenn Frauen Beruf und Familie vereinbaren können – Karriere in der Industrie machen sie deshalb noch lange nicht.
Mehr Frauenpower für einen Herrenclub
Frauen mögen Bundeskanzler, Nobelpreisträger oder Professor sein, in der Wirtschaft sind ihre Aufstiegschancen trotz zahlreicher Förderungsprogramme nur gering. Es herrscht ein "Stillstand bei der Chancengleichheit“, warnt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). An der Spitze thront ein Herrenclub. In den Vorständen der 100 größten deutschen Unternehmen kommen auf 441 Posten gerade einmal vier Frauen, unter den ersten 50 Firmen findet sich in der obersten Etage nur eine, hat das DIW ermittelt. Weibliche Beschäftigte in Führungspositionen verdienen im Schnitt 28 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen – dieser Wert ist seit 2006 unverändert. Alarmierende Zahlen. Besonders die Autoindustrie gilt als Männerdomäne – ein Zustand, der vor dem Hintergrung des demografischen Wandels zunehmend als Makel empfunden wird.
Die Branche reagiert: "Wir wollen den Frauenanteil auf allen Ebenen erhöhen“, verkündete Audi-Chef Rupert Stadler. Bei Daimler zeigen die Erfahrungen "ganz klar, dass vielfältig zusammengesetzte Teams bessere Ergebnisse erzielen“, sagt Ursula Schwarzenbart, Leiterin Diversity Management. "Frauen bringen neue Denk- und Betrachtungsweisen ein.“ Die sind sehr gefragt. Ingenieurinnen können sich besser in die Ansprüche von Kundinnen hineinversetzen. Schon heute sind Frauen an 70 bis 80 Prozent aller automobilen Kaufentscheidungen beteiligt, hat das Kompetenzzentrum "Frau und Auto“ der Hochschule Niederrhein in Krefeld herausgefunden. "Ganz klar trägt auch der demografische Wandel dazu bei, dass wir in Zukunft noch mehr Frauen einstellen möchten“, erklärt Schwarzenbart von Daimler. Der Frauenanteil steigt zwar, aber auf niedrigem Niveau. Bei Daimler liegt er bei leitenden Führungskräften bei acht Prozent, BMW meldet neun, Audi sieben, VW, Ford und Bosch zehn. Der Ruf nach einer Frauenquote wird lauter.
Die Telekom steht zwar mit der Einführung einer solchen Regelung bislang allein da. Doch die Politik will dem Zaudern der Industrie nicht länger tatenlos zusehen. Frauen seien in den Führungsetagen "hoffnungslos unterrepräsentiert“, tadelt Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. Er ist zwar "nicht überzeugt von dem glückseligmachenden Erfolg der Quote“. Aber wenn die Frauenförderung anders nicht vorankomme, "dann muss eben die Brechstange her“. Die Autohersteller stellen sich geschlossen gegen eine Quote. Sie helfe "weder dem Unternehmen, noch den Frauen“, erklärt eine Ford- Sprecherin. Weibliche Beschäftigte würden sich fragen, "ob sie wegen ihrer Kompetenz oder wegen der Quote befördert werden“. Quoten seien meist pauschal formuliert und unrealistisch und somit "der Zielsetzung der Chancengleichheit und Akzeptanz eher abträglich“, meint Heidi Danzer, die das Thema Frauenförderung in der Personalabteilung von BMW betreut.
Die Stadt München hat das erste "Memorandum für Frauen in Führung“ ins Leben gerufen, das deutschlandweit Nachahmer finden soll. 14 namhafte Unternehmen aus der Landeshauptstadt wie Allianz, Siemens und MTU haben sich darin verpflichtet, ihre weiblichen Beschäftigten gezielt zu fördern. Und BMW, MAN, TÜV Süd, ADAC? Fehlanzeige. Viele Unternehmen scheuen eine öffentliche Selbstverpflichtung. Ein gängiges Argument: "Als technikorientiertes Unternehmen stehen wir dem Problem gegenüber, dass der Frauenanteil unter den Absolventen technischer Studiengänge vergleichsweise gering ausfällt“, so Danzer. Doch die Konzerne besetzen auch Ressorts wie Design, Personal, Vertrieb oder Finanzen nicht mit einer Frau an der Spitze. Immerhin setzen sich einige Unternehmen klare Ziele. Daimler hatte schon im Jahr 2006 angekündigt, den Anteil von Frauen in leitenden Positionen bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern, aktuell sind es acht Prozent. Ford hat sich vorgenommen, den Frauenanteil in Führungspositionen jedes Jahr zu erhöhen. Bosch plant, den weltweiten Anteil bis 2012 von jetzt knapp zehn auf 15 Prozent anzuheben.
Noch macht die Männerdominanz Frauen zu Außenseiterinnen. Für diese sei es "viel schwerer, in die einflussreichen Old-Boys- Networks in den Spitzengremien vorzudringen“, erklärt Elke Holst vom DIW. Jungen Frauen würden die Vorbilder fehlen. Einige wenige gibt es. Neueste Vorzeigemanagerin der Autoindustrie ist die kommende Smart- Chefin Annette Winkler. Einen exzellenten Ruf in der Männerwelt hat sich Rita Forst erarbeitet, die als Entwicklungschefin die Zukunft von Opel vorantreibt. Einkaufsexpertin Birgit Behrendt hat international überzeugt: Sie stieg vor Kurzem in den Ford-Vorstand in den USA auf. Gute Frauen rücken langsam nach. Wenn Lisa ihr Studium abschließt, wird es mit der "Herr“- lichkeit in der Autoindustrie aber noch lange nicht vorbei sein.