München. Ein gesellschaftlicher Wertewandel spiegelt sich immer auch in der Formensprache wider. Doch wie werden die Autos der Zukunft aussehen? Darüber gehen die Meinungen der Experten weit auseinander. Fest steht: Technische Entwicklungen, das wachsende Umweltbewusstsein und die zunehmende Urbanisierung stellen die Industrie vor gewaltige Herausforderungen. Es bieten sich jedoch auch große Chancen: "Die Branche kann Trends beerdigen, aber auch neue setzen“, sagt Paolo Tumminelli, Designprofessor an der Fachhochschule Köln. "Das Auto braucht jetzt ein neues Gesicht.“ Sein Kollege Peter Naumann, Professor für Industrie- und Fahrzeugdesign an der Hochschule München, wünscht sich Fahrzeuge, die Sympathien erzeugen, "und nicht Angst, nach dem Motto ,huch, was kommt denn da von hinten?‘“
Die neue Pop-Ästhetik
Dicke Brummer ŕ la BMW X6 und Audi Q7 stehen am Pranger: "In den vergangenen Jahren wurde das Auto over-designt – zu groß, zu komplex. Es ist nicht mehr menschengerecht und gesellschaftsfähig“, moniert Tumminelli. Das momentane Downsizing der Einsatz kleinerer Motoren, sei nur eine "Notlösung“. Luxusschlitten wird es zwar immer geben, aber das große Gefährt als Statussymbol hat ausgedient. Die Generation, die in ihrer Kindheit und Jugend in fetten SUVs und geräumigen Kombis chauffiert wurde, hat andere Vorstellungen als ihre Eltern. Größe, Leistung, Gewicht – diese Werte sind passé. Große Autos mit jeweils nur einem Insassen auf der Autobahn – das ist gar nicht hip in einer Zeit, in der Staus zur Tagesordnung gehören. Einen Ausblick auf die Zukunft präsentierten kürzlich Designstudenten der Hochschule Pforzheim mit ihren Semesterergebnissen.
Nachhaltigkeit war selbstverständlich, ob beim neuen Raumkonzept oder bei einem auf Wasser fahrenden "Floatingcity Vehicle“. Stefan Sielaff, Chefdesigner der Marke Audi, bemerkt bei seinen jungen Kollegen einen Hang zum Purismus. Er stellt sich auf eine neue Form von Luxus ein: so wenig wie möglich zu besitzen. Weniger ist mehr. Diese Devise gilt nicht nur für Apple-Produkte, sondern auch für Autos, sagt Naumann. Massigen PS-Schleudern drohe das gleiche Schicksal wie den riesigen Hi-Fi-Türmen und Lautsprecherboxen von früher – sie verschwinden.
Parallel hierzu verläuft der Trend zu Großstädten. "Die Autos werden etwas kleiner und wachsen in die Höhe, das ist die einzige Möglichkeit für Stadtautos“, glaubt Tumminelli. Vorreiter seien Smart-Modelle, die Mercedes- Benz A-Klasse oder der Audi A2. Auch im Zuge der Entwicklung von Elektro- und Hybridantrieben verändert sich die Optik. Naumann sieht derzeit zwei Richtungen: emotionale Modelle, wie beispielsweise der Zweisitzer Twizy von Renault, die Lust darauf machen, sie auszuprobieren und Fahrspaß versprechen. Gut gefällt ihm aber auch die "technische Ästhetik, das geradlinige, reduzierte Fahrzeug“, wie der Elektro-Up von VW oder das neue Ein-Liter-Auto.
Die richtige Formensprache für die sich verändernde individuelle Mobilität zu finden, ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft. "Der Trend geht weg von der Fahrgastzelle hin zu mehr Lebensraum“, glaubt Tumminelli. Den gilt es zu gestalten. "Antiquiertes Leder und Wurzelholz sterben aus“, so der Design-Professor, "Buntes mit Floralmuster ist jetzt in.“ Er kann sich wohnliche Elemente wie Kissen im Innenraum vorstellen. Auch eine Textilkooperation der Autohersteller mit einem angesagten Modelabel wie Zara schließt er nicht aus.
Personalisierung steht hoch im Kurs – und damit eine Abkehr von Fahrzeugen, die sich in den vergangenen Jahren immer ähnlicher geworden sind und sich oft nur noch durch Kühlergrill und Scheinwerfer unterscheiden. Künftig sollen Fahrzeuge mehr den individuellen Bedürfnissen der Kunden entsprechen. Tumminelli spricht von einer „Pop-Ästhetik des Automobils“. Schon heute wird es mit Zahlen und Streifen verschönert, da gebe es noch viele Gestaltungsmöglichkeiten – vor allem beim Interieur. „Das Auto wird mehr zu einem eigenen Spielzeug.“ Spielzeug statt Statussymbol – für Naumann ein wichtiger Ansatz. Mit mehr Gestaltungsmöglichkeiten könne das Auto auch bei jungen Menschen wieder mehr Begehrlichkeit wecken – so wie derzeit das iPhone von Apple.