München. Der russische Markt hat eine tiefe Depression überwunden und ist zu neuem Leben erwacht. Allerdings gelten jetzt neue Bedingungen: Mit dem Dekret 166 hat die russische Regierung die Spielregeln für ausländische Autohersteller und Zulieferer verschärft. Fahrzeugbauer, die ihre Vorteile bei den Importzöllen behalten wollen, müssen nach der am 1. März in Kraft getretenen Verordnung mindestens 300.000 Autos in Russland produzieren. Zudem müssen die Unternehmen 60 Prozent ihrer Zulieferungen lokal beziehen. Dennoch sind die Chancen, die sich der Branche bieten, verlockend – für Autohersteller, Zulieferer und für den Handel.
Frühlingserwachen
Laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) wird Russland mit Wachstumsraten zwischen acht und 14 Prozent 2020 zu den sechs größten Automobilmärkten zählen. Im Zuge dieser Entwicklung wird das Land 2018 zu Europas größtem Markt aufsteigen. Bereits gut positioniert sieht sich in Russland der VW-Konzern. Die Wolfsburger produzieren in ihrem Werk in Kaluga 150.000 Autos, darunter der speziell für russische Kunden entwickelte Polo Sedan. „Jetzt machen wir den nächsten Schritt. Gemeinsam mit der GAZ Group wollen wir jährlich mehr als 100.000 Volkswagen und Skoda am GAZ-Standort Nischni Nowgorod produzieren. Mit dem kurzfristigen Ausbau unserer Kapazitäten in der Produktion und auch im Handel kann der Konzern nachhaltig vom russischen Autoboom profitieren“, so VW-Chef Martin Winterkorn. Ähnlich optimistisch ist auch Skoda-Vorstandschef Winfried Vahland: „In Russland haben wir 2010 rund 45.000 Fahrzeuge verkauft. Da wollen wir jetzt noch einen Gang hochschalten.“ Die Nummer eins in Russland ist allerdings AvtoVAZ, wozu die Marke Lada zählt. Renault hält an dem russischen Unternehmen seit 2008 rund 25 Prozent der Anteile und plant für 2011 die Mehrheitsübernahme. Gemeinsam haben Renault und AvtoVAZ 2010 rund 700.000 Fahrzeuge verkauft – etwa ein Drittel des Marktvolumens. Zu den großen Anbietern gehören auch General Motors, Toyota und Ford. Ford hat erst kürzlich mit dem russischen Autobauer Sollers ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet.
Fiats Verhandlungen mit Sollers waren hingegen gescheitert. Nun will Fiat in Russland eine eigene Fertigung für bis zu 300.000 Autos jährlich aufbauen. Laut BCG-Studie sind die Materialkosten, die aus höheren Fix-, Logistik- und Qualitätskosten resultieren, in Russland vergleichsweise hoch. Sie liegen bis zu 15 Prozent über dem Niveau anderer europäischer Staaten. Im Sog der Autohersteller verstärken auch die Zulieferer ihre Aktivitäten. Bis 2015 werden die Umsätze der Branche von 6,7 auf 15 Milliarden Euro steigen, heißt es bei BCG. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, investiert etwa Bosch bis 2013 über 100 Millionen Euro in den Bau einer neuen Russland- Zentrale am Moskauer Stadtrand. BCG weist darauf hin, dass bei den lokalen Lieferanten großer Optimierungsbedarf besteht.
Und Dirk Meyer, Managing Partner bei der Unternehmensberatung Forum Russland, sieht „die Qualität der russischen Lieferanten in der Breite weit von dem Niveau entfernt, das in China und Indien geboten wird“. Besser ist es um die Qualifikation der Mitarbeiter bestellt: „Es gibt in Russland sehr gut ausgebildete und motivierte Ingenieure. Und das in einem Ausmaß, wie ich es in kaum einen anderen Land erlebt habe“, lobt Siegfried Wolf, Chef von Russian Machines. Chancen ergeben sich nach der BCG-Studie auch im Bereich Marketing und Vertrieb, da 40 Prozent der russischen Bevölkerung keinen Autohändler in ihrer unmittelbaren Nähe haben. Ähnlich sieht die Situation bei der Wartung und Reparatur von Fahrzeugen aus: Ein dichteres und professionelleres Angebot ist dringend erforderlich. Ein Vergleich: Während der Gewinn europäischer Autohäuser zu rund 60 Prozent im Bereich Aftersales-Service entsteht, generieren russische Autohäuser dort nur 15 Prozent ihres Profits.