München. Stell Dir vor, es gibt das unfallfreie Autofahren, aber keiner will es haben. Schwarzmalerei? Einige Fahrerassistenzsysteme kommen schon in der vierten Generation. Doch viele Kunden rührt das nicht. Zusätzliches Geld wird weiterhin mit Vorliebe in Alufelgen und Hi-Fi-Anlagen investiert. Die Ausrüstungsquoten mit fortschrittlichen Assistenzsystemen liegen in Deutschland meist noch im einstelligen Prozentbereich. Lediglich in der Oberklasse sind hohe „Take Rates“ üblich.
So verfügt nach Angaben der Dresdner Fahrzeugsystemdaten GmbH bereits gut ein Drittel aller neu zugelassenen Oberklassewagen über einen Tempomaten mit Abstandsradar (ACC), beim adaptiven Kurvenlicht sind es sogar gut 60 Prozent. Im Schnitt jedoch kommt das intelligente Licht erst in knapp zehn Prozent aller Neuzulassungen vor, beim ACC liegt die Nachfrage quer durch alle Segmente bei gut einem Prozent. Ein Grund für die Zurückhaltung der Kunden sind die immer noch hohen Preise der radar- und kameragestützten Systeme. So verlangt Mercedes für sein Fahrassistenz-Paket 2558 Euro, der Nachtsichtassistent schlägt zusätzlich mit 1487 Euro zu Buche, weitere Extras sind möglich.
Beim neuen Passat lässt sich VW das Paket mit 2155 Euro entlohnen. Opel und Ford haben andere Kunden und verzichten deshalb auf das teure Radar. Erhältlich sind aber ein adaptives Fahrlicht und eine Frontkamera mit Verkehrsschilderkennung und Spurassistent, bei Opel für 1250 beziehungsweise 525 Euro zu haben. Es geht also auch günstiger. „Die Take Rates für unsere Assistenzpakete in Deutschland, England und Frankreich sind hoch, deutlich höher als zunächst erwartet“, versichert Bruno Praunsmändel, Leiter elektronische Chassissysteme bei Opel. Typischerweise würden bei der Einführung neuer optionaler Technologien diese zunächst nur drei bis fünf Prozent der Kunden ordern.
Doch im „eingeschwungenen“ Zustand seien Take Rates von über 50 Prozent möglich – so wie beim adaptiven Fahrlicht des Insignia. Der Start der Assistenzangebote im neuen Astra ermutigt Opel zum Aufbruch in noch kleinere Segmente, sagt Praunsmändel. „Wir werden Assistenzsysteme in allen Klassen anbieten, wenn der Markt dafür bereit ist.“ Wolfgang Booms, Ford-Vertriebschef in Deutschland, steuert noch eine weitere Erkenntnis bei: „Neue Technologien müssen auch im Showroom vermittelbar sein.
Deshalb schnüren wir beim neuen Focus sinnvolle Pakete, die eine Chance für den Verkäufer im Kundengespräch sind.“ Damit setzen die beiden Volumenhersteller Erkenntnisse aus der Forschung um. „Die Durchsetzung von Assistenzsystemen hängt bei Weitem nicht nur von ihrem Nutzen ab“, sagt Horst Brunner, Ko-Geschäftsführer der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden (VUFO). Ein zentraler Punkt sei neben den Kosten die Akzeptanz beim Kunden.
„Eine intuitive Bedienbarkeit und ein möglichst unauffälliges Arbeiten der Assistenzsysteme im Hintergrund sind dafür entscheidend. Sonst schaltet der Fahrer die Elektronik einfach ab.“ Dabei haben die Dresdner Unfallforscher längst ausgerechnet, wie sinnvoll Assistenzsysteme sein können. Eine Kombination der gängigsten Assistenten kann ihren Schätzungen zufolge zu einer Verringerung der tödlichen Verkehrsunfälle um 24,8 Prozent und der Unfälle mit Schwerverletzten um 16,1 Prozent führen. Gute Argumente im Showroom.