Herr Müller, Sie sind im Oktober 2010 von Volkswagen als Chef zu Porsche gekommen. Was hat sich in Ihrer Amtszeit bei Porsche verändert?
Dass wir uns wieder sehr stark auf unser automobiles Kerngeschäft konzentrieren. Und das ist das Entwickeln, Produzieren und Vermarkten von Autos.War dies zuvor anders?
Es gab Übergangszeiten, da standen nicht unsere Autos im absoluten Mittelpunkt, sondern Finanzgeschäfte. Die jetzige Konzentration auf das Produkt tut übrigens der Firma sehr gut; die Mannschaft ist mit großer Begeisterung bei der Sache.Sie präsentieren in den USA den neuen Elfer, Sportwagen-Ikone und Seele der Marke Porsche. Ist Amerika noch der wichtigste Markt für dieses Auto oder fährt China schon auf der Überholspur?
Die USA werden auf absehbare Zeit der größte und wichtigste 911er-Markt für uns bleiben. Seit 1970 haben wir in Nordamerika fast 273.000 Porsche 911 verkauft. Allein dieses Jahr waren es über 5000 Einheiten. Besonders begehrt ist der Carrera in Kalifornien, nach wie vor unser größter Einzelmarkt. Gut zehn Prozent der nach Nordamerika gelieferten Elfer gehen hierhin. Das ist mehr als wir in Texas, Florida und New York absetzen. China hat also noch Aufholpotenzial, ist aber derzeit der beim 911 der fünftgrößte Markt – Tendenz nach oben.Wissen die Chinesen eigentlich um die Historie von Porsche?Wir sind verstärkt dabei, die Traditionen von Porsche in China bekannt zu machen.
Was steckt hinter Ihrer "Strategie 2018“?
Das ist die Leitlinie, an der wir unser unternehmerisches Handeln in den kommenden Jahren ausrichten. An erster Stelle steht hier der Kunde. Ihn wollen wir weiterhin mit einem einzigartigen Kauf- und Besitzerlebnis begeistern. Zudem wollen wir profitabelster Automobilhersteller der Welt zu bleiben, mit einer Umsatzrendite von mindestens 15 und einer Kapitalrendite von 21 Prozent. Unseren Stakeholdern wie Mitarbeitern, Investoren, Lieferanten und Händlern wollen wir ein verlässlicher Partner sein. Wir denken über weitere Modelle nach und planen, den Lebenszyklus unserer bestehenden Modelle besser aufeinander abzustimmen. Ziel ist es, jedes Jahr ein Produkt-Highlight zu haben.
Dafür bräuchten Sie mindestens sieben Baureihen. Heute hat Porsche vier. Nummer fünf wird der Cajun. Was steckt hinter sechs und sieben?
Da fällt uns sicher noch etwas ein. Vorstellbar wäre beispielsweise ein Modell zwischen dem 911 Carrera und dem 918 Spyder.
Andere Konzernmarken wie Audi oder VW sind mit ihrer Produktion in China oder in den USA sehr erfolgreich. Wie wichtig ist künftig noch "Made in Germany“ für Porsche?Für uns ist "Engineered and produced in Germany“ sehr wichtig. Daran wollen wir auch festhalten. Ein Problem jedoch könnte sein, dass die Märkte sich zunehmend abschotten. Sie sehen ja in Brasilien und Argentinien, wie schnell das gehen kann. Das sind zwar für uns nicht die wichtigsten Märkte, aber wenn beispielsweise in China sich solche protektionistischen Tendenzen ergeben würden, dann müssten wir schon überlegen, ob man nicht eine lokale Fertigung anstrebt, bevor man solch einen Markt aufgibt.Wird der neue 911 als der letzte echte Porsche in die Geschichte eingehen, der noch weitestgehend ohne Einfluss von Volkswagen entwickelt wurde?Der Einfluss, der sich durch den integrierten Konzern ergibt, ist zunächst von wirtschaftlicher Natur. Was die Produktauslegung anbelangt, bleibt das weiterhin im Verantwortungsbereich von Porsche.Sie planen, den Absatz von Porsche mit neuen Modellen mittelfristig zu verdoppeln. Nimmt die Bedeutung des 911 damit ab?Nein. Die Bedeutung des 911er misst sich nicht an quantitativen Absatzzahlen. Der Carrera bringt die Gene unseres Unternehmens wie kein anderes Auto zum Ausdruck und daran werden wir bedingungslos festhalten.Wie weit kann man den Absatz steigern und die Modellpalette ausweiten, ohne das Image einer Luxusmarke wie Porsche zu gefährden?Wir wollen keine Volumenmarke werden. Wir handeln nach der Devise "Balanced demand and supply“, verkaufen also lieber ein Auto weniger als eines mehr mit Incentives. Das Volumen spielt für uns eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sind der Wert der Marke und die Profitabilität.Wird es den 911er auch mit Hybridantrieb geben? Gemeint ist hier die elektrisch angetriebene Vorderachse wie sie die Rennversion GT3 R Hybrid verwendet.In absehbarer Zeit nicht.Rechnen Sie damit, dass es bald Zufahrtsbeschränkungen für benzingetriebene Autos in Großstädten gibt? Muss so ein Hybrid-Porsche dann auch rein elektrisch fahren können?Mit diesen Bestimmungen ist zu rechnen. Sie sehen das am Beispiel London. Die Hybridtechnologie als Plug-in-Version ist für uns der interessantere Weg. Wir werden uns diesem Thema über die Baureihen Cayenne und Panamera nähern.Arbeitet Porsche an anderen alternativen Antrieben wie Erdgas oder Wasserstoff?In der Forschung ja, aber wir werden auf diesem Gebiet nicht Vorreiter sein. Das überlassen wir größeren Firmen, die so etwas finanziell verkraften. Wir beobachten sehr genau, was dort passiert, so dass wir zu entsprechender Zeit auf eventuelle Marktbedürfnisse reagieren könnten. Aber man muss sich nichts vormachen: Wir reden hier nicht von wenigen, sondern von vielen Jahren oder gar Jahrzehnten.Können Sie sich einen Boxer-Diesel im 911er vorstellen?Ich stehe der Dieseltechnologie sehr aufgeschlossen gegenüber. Ob man dies jetzt in einen 911er reinpacken muss, da bin ich im Moment skeptisch. Man muss dafür aber auch Kunden haben. Aber wenn sich aus so einer Technologie Chancen ergeben: Warum nicht?Vom 997 gab es 23 Derivate. Haben Sie vor, diese auch vom 991 abzuleiten?Gehen Sie davon aus, dass dies in ähnlicher Größenordnung passieren wird.Das Interview führte Michael Specht.