Stuttgart. Trotz der schwachen Entwicklung auf dem europäischen Absatzmarkt sind die deutschen Autokonzerne nach Ansicht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young im ersten Quartal 2012 überdurchschnittlich stark gewachsen. Zu diesem Schluss kommen die Stuttgarter nach der Überprüfung der Bilanzanalyse der 17 größten Automobilkonzerne der Welt. Demnach steigerten die deutschen Autobauer ihren Umsatz um 18 Prozent, die Gewinne kletterten im gleichen Zeitraum um elf Prozent nach oben. Den mit Abstand höchsten Gewinn erwirtschaftete VW – die Wolfsburger verdienten 3,2 Milliarden Euro und vergrößerten damit den Abstand auf Toyota, BMW und Daimler (mit jeweils 2,2 bzw. 2,1 Milliarden Euro Gewinn) deutlich.
Mit BMW weist ein deutscher Autokonzern die höchste Gewinnmarge aus: Die Münchner steigerten ihre EBIT-Marge um 0,5 Prozent auf 11,7 Prozent und waren damit der profitabelste Autobauer der Welt. Mit einer Gewinnmarge von 11,3 Prozent ist der koreanische Hersteller Hyundai den Münchnern aber dicht auf den Fersen.Auch wenn es aktuell noch keine Anzeichen gibt, warnen die Experten von Ernst & Young vor herben Rückschlägen für die Autoindustrie im zweiten Halbjahr. "Bei einem Umschlagen der aktuellen Schuldenkrise in eine allgemeine Finanzkrise stünde die Automobilindustrie vor drastischen Absatzrückgängen", so die Meinung der Experten.Profitabilität: Hyundai/Kia überholt VW und Daimler
Bislang können sich die deutschen Autobauer vor allem dank des starken US-Geschäfts und des robusten Wachstums in China nicht über eine Absatzkrise beklagen. Alle deutschen Hersteller konnten bei Absatz, Umsatz und Gewinn weiter zulegen und sich somit weiter an der Spitze der weltweiten Autoindustrie behaupten. Allerdings konnten auch die koreanischen Konkurrenten Hyundai und Kia Erfolge feiern, sodass der Abstand zu den deutschen Autobauern deutlich geringer wird. Im ersten Quartal 2012 konnten die Koreaner in Sachen Profitabiltät sogar schon an Daimler und Volkswagen (bei beiden ging die EBIT-Marge leicht zurück) vorbeiziehen. Die leicht sinkende Profitabilität von Daimler und Volkswagen bewertet Peter Fuß von Ernst & Young aber nicht als kritisch: "Die Margen der deutschen Hersteller sind nach wie vor überdurchschnittlich hoch. Dank ihrer globalen Aufstellung, ihrer Fokussierung auf das Premiumsegment und der stabilen Entwicklung auf dem deutschen Absatzmarkt konnte ihnen die Krise in Europa bislang kaum etwas anhaben".
Dennoch könne man in diesem Zusammenhang von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft sprechen, erklärt Fuß. "Die deutschen und koreanischen Autokonzerne geben den Takt vor und zeigen der Konkurrenz, dass trotz schwieriger Rahmenbedingungen dynamisches Wachstum weiter möglich ist. Die französischen und – trotz der guten Entwicklung in den vergangenen Monaten – auch die amerikanischen Hersteller haben derzeit bei der finanziellen Performance das Nachsehen". Der Experte warnt die deutschen Autokonzerne aber davor, sich auf ihrem Erfolg auszuruhen: "Die Erfolge der koreanischen Hersteller zeigen, dass die deutschen Autobauer nicht unangefochten an der Spitze der Branche stehen". Verbesserungsbedarf sieht er vor allem beim Ausbau und der Optimierung der Fertigungsstrukturen und bei der Abrundung der Modellpaletten. Darüber hinaus erfordere das starke Wachstum in Schwellenländern "Anpassungen bei der Unternehmens- und Managementstruktur".Neben den Koreanern müssen die deutschen Autobauer aber auch die Japaner im Auge behalten, die nach der Erdbeben- und Tsunamie-Katastrophe vom vergangenen Jahr im ersten Quartal 2012 ein bemerkenswertes Comeback schafften: Laut den Experten von Ernst & Young ist der Umsatz der sechs japanischen Konzerne insgesamt um 23 Prozent gestiegen, der Gewinn machte einen Sprung um 108 Prozent nach oben. Gesamtsieger ist Toyota – die Japaner steigerten ihren Umsatz um fast ein Drittel auf knapp 52 Milliarden Euro und liegen nun im Umsatzranking wieder deutlich vor Volkswagen (die Wolfsburger setzten im ersten Quartal 47,3 Milliarden Euro um).
In punkto Profitabilität haben die deutschen Autokonzerne aber noch nichts von ihrer japanischen Konkurrenz zu befürchten. Während die deutschen Autobauer eine durchschnittliche EBIT-Marge von 8,8 Prozent vorweisen können, kommen die Japaner auf einen Wert von 4,2 Prozent. In diesem Zusammenhang prognostiziert Fuß: "Die japanischen Hersteller werden auch in den kommenden Monaten weiter mit überdurchschnittlich hohen Zuwachsraten glänzen – was allerdings in erster Linie auf den starken Einbruch im vergangenen Jahr zurückzuführen ist". Der schwache europäische Markt stellt gerade für die französischen und italienischen Autobauer eine große Herausforderung dar. Insgesamt ging die Zahl der in Europa verkauften Fahrzeuge um sieben Prozent zurück. "Der europäische Absatzmarkt entwickelt sich in diesem Jahr sehr schwach – und es ist keine Besserung in Sicht. Das ist gerade für die europäischen Volumenhersteller eine erhebliche Herausforderung – die Überkapazitäten werden weiter zunehmen, der Druck auf die Margen wächst."Besser als auf dem europäischen Markt lief es in den Vereinigten Staaten. Hier kommen die deutschen und japanischen Autobauer laut Fuß immer besser in Fahrt. Im ersten Quartal stiegen die Verkaufszahlen um 17 Prozent – besonders stark wuchsen die deutschen (plus 24 Prozent) und japanischen Hersteller (plus 23 Prozent). Für die amerikanischen Autobauer lief es hingegen weniger gut. Sie konnten auf dem Heimatmarkt "nur" zwölf Prozent mehr Fahrzeuge verkaufen als im ersten Quartal 2011. "Allerdings ist die US-Konjunktur nach wie vor anfällig – niemand weiß, wie nachhaltig das aktuelle Wachstum ist und wie sich die amerikanische Wirtschaft entwickeln wird, wenn es nach der Präsidentschaftswahl zu deutlichen Sparmaßnahmen in den öffentlichen Haushalten kommt."
Auch die Aussichten für China sind laut Fuß unsicher. "In China mehren sich die Anzeichen, dass die Konjunktur merklich abkühlt – das wird sich auch in den Verkaufszahlen niederschlagen". Düstere Prognosen stellt der Experte von Ernst & Young auch für den Fall in Aussicht, dass sich die Konjunkturkrise ausweitet. "Solange es sich um eine Konjunkturkrise in einigen südeuropäischen Ländern handelt, ist die Lage beherrschbar. Aber wenn die Schuldenkrise in Europa nicht zügig eingedämmt wird, könnte sie sich wieder zu einer weltweiten Finanzkrise entwickeln – mit wie gehabt katastrophalen Folgen für die Autoindustrie". (Foto: Hyundai)