Noch keine zwei Monate steht Martin Winterkorn an der Spitze der Volkswagen AG, und doch hat der dynamische Metallkundler in den meisten Ressorts des großen Automobilkonzerns schon knallhart durchgegriffen. Handverlesene Getreue aus seiner Zeit als Vorstandschef der VW-Premiummarke Audi nahm Winterkorn aus Ingolstadt nach Wolfsburg mit und platzierte sie dort sogleich an den wichtigsten Schaltstellen in Design, Entwicklung und Produktion. Die von seinem Amtsvorgänger Bernd Pischetsrieder eingeführte Aufteilung der VW-Fahrzeugmarken von Seat über Skoda bis hin zu Bentley und Bugatti in zwei Gruppen löst Winterkorn auf. Der so ehrgeizige wie umstrittene VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard hat das Unternehmen inzwischen sang- und klanglos verlassen. Und die Führung der Kernmarke VW liegt nun in den Händen des Martin Winterkorn selbst.
Winterkorn wirbele VW allzu kräftig durcheinander, wenden erste Kritiker ein, von außen wirkten manche Maßnahmen wie übereilte Hauruckaktionen. Die genannten Entscheidungen seien "ein bisschen viel auf einmal", stöhnen andere, darunter auch langjährige VW-Mitarbeiter. Da liegen die Mahner und Nörgler allerdings falsch. Martin Winterkorn hat keine Zeit zu verlieren bei seiner herkulisch anmutenden Aufgabe, Europas größten Pkw-Hersteller nachhaltig auf Erfolgskurs zu bringen. Und er ist schlicht gut beraten, dabei nach Kräften auf höchste Geschwindigkeit zu setzen. Sicher, die jüngst präsentierten Finanzzahlen des Konzerns für das Geschäftsjahr 2006 und die Eckdaten aus dem weltweiten Pkw-Verkauf lesen sich fast durchweg positiv. So belegt die Steigerung beim operativen Ergebnis um mehr als 50 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro, dass die von Pischetsrieder und Bernhard angeschobene Restrukturierung bei VW endlich zu greifen begonnen hat. Die Zunahme der Auslieferungen an Kunden um mehr als neun Prozent auf 5,7 Millionen Fahrzeuge ist der beste Indikator für eine im Großen und Ganzen gelungene Modellpalette, die - wenngleich in lukrativen Nischensegmenten noch lückenhaft - den Geschmack der Kunden recht zuverlässig trifft. Und die im "Ausblick" der Ad-hoc-Mitteilung vom Vorstand vermittelte Überzeugung, die Wettbewerbsfähigkeit im laufenden Jahr "nochmals" verbessern zu können, zeugt von einer umfassenden Aufbruchstimmung in den Top-Etagen des VW-Hochhauses, die hoffen lässt auf eine gesicherte Zukunft der Volkswagen AG.
Nur darf Martin Winterkorn jetzt eben keinesfalls nachlassen bei der zügigen Umsetzung seiner prallvollen Management-Agenda. Das VW-Geschäft auf dem wichtigen Absatzmarkt Nordamerika etwa lässt nach wie vor zu wünschen übrig. In den USA benötigt VW endlich ein "bezahlbares" Auto mit frechem Design, das insbesondere jüngere Käufergruppen anspricht. Die hitzige Diskussion um eine Reduzierung der Schadstoffemissionen erhöht den Druck auf Volkswagen, über die "BlueMotion"-Typen hinaus noch mehr Augenmerk zu legen auf spritsparende Antríebstechnik bis hin zu eigenen, technologisch wirklich überzeugenden Hybrid-Lösungen. Und im Hinblick auf Überkapazitäten im globalen VW-Produktionsverbund sowie auf vergleichsweise unproduktive Werke sollte Winterkorn auch vor unpopulären Entscheidungen bis hin zur Schließung unrentabler Fertigungsstätten nicht zurückschrecken. Die Wettbewerber nämlich schlafen nicht. Im Gegenteil - ambitionierte Konkurrenten wie Toyota setzen auf vielen Wachstumsmärkten zum Überholen an. Es bleibt dabei: Winterkorn muss Tempo machen.