München. Bei der Präsentation des Gelände-Coupés X6 auf der IAA genoss Norbert Reithofer den anhaltenden Beifall. In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob der BMW-Chef auch vom Aufsichtsrat und der Finanzwelt Applaus ernten wird: Voraussichtlich Mitte Oktober wird er den "Strategieprozess 2018" vorstellen.
"Es ist sinnvoll, dass wir alle fünf bis sechs Jahre unsere Strategie überdenken", erklärte er im Gespräch mit Automobilwoche. "Das letzte Mal haben wir dies 2000/2001 gemacht. Während dieses Prozesses drehen wir jeden Stein im Unternehmen um."
Also reine Routine? Mitnichten. Im Vierzylinder, der BMW-Zentrale, geht es nicht nur um eine obligatorische Fünfjahresplanung: Hier werden vor dem Hintergrund einer weltweit wachsenden Premiumkonkurrenz (Audi, Lexus, Infiniti), immer schärferen Abgasvorschriften und stetig sinkenden Gewinnmargen des Münchner Konzerns die Weichen für eine umfassende Neuausrichtung gestellt.
Und das unter Zeitdruck: Reithofer hat sich selbst das Ziel gesetzt, nach einem Jahr an der Spitze des Premiumherstellers dem Aufsichtsrat wegweisende Lösungen zu präsentieren. Und nicht nur ihm: Mit konkreten Aussagen zur neuen Strategie will der sonst so verschwiegene Konzern erstmals an die Öffentlichkeit gehen.
"Das Kernthema ist: Wie sichern wir nachhaltiges, profitables Wachstum?", gibt der BMW-Boss die Marschrichtung vor. Diskutiert wird unter anderem der Ausbau von Kooperationen, um Investitionskosten zu senken.
Reithofer zeigt sich für "taktische Kooperationen mit Konkurrenten offen" - eine Zusammenarbeit bei kleinen Motoren mit Wettbewerber Mercedes wird immer wahrscheinlicher. Parallel sucht Reithofer nach neuen Einnahmequellen: "Ein interessanter Geschäftszweig" sei der Verkauf von Motoren und Komponenten.
Seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr trommelt der BMW-Vorstandsvorsitzende in regelmäßigen Abständen seine Topmanager zu strategischen Sitzungen zusammen. "Wir fragen uns: Wie adressieren wir das gestiegene Umweltbewusstsein, den demografischen Wandel? Und wir schauen uns an, in welchen Regionen wir weitere Märkte erschließen", sagt Reithofer.
Die ersten Ergebnisse seiner Überlegungen hat er schon umgesetzt: Um die Abhängigkeit vom schwachen Dollar zu verringern, baut Reithofer die Produktion in den USA erheblich aus. Mit dem X6, der in Spartanburg gefertigt werden wird, will BMW in den USA auf Erfolgskurs bleiben. "Wir sehen eine große Chance darin, Dieselfahrzeuge in den USA anzubieten", ergänzt Entwicklungsvorstand Klaus Draeger, der 2008 in Amerika Selbstzünder einführen will, "die die strengen Emissionsregeln aller 50 Staaten erfüllen".
Auch in Asien verstärkt BMW das Engagement: In China sucht der Hersteller einen neuen Standort, weil die Produktion in Shenyang an die Kapazitätsgrenze stößt. "In Indien führen wir 2009 den Mini ein", so Markenchef Kay Segler.
Produktionsvorstand Frank-Peter Arndt gibt ein weiteres strategisches Ziel vor: Er will die Fertigungstiefe von derzeit 25 auf 30 Prozent erhöhen, indem er die Eigenleistung des Unternehmens stärkt. Der Produktionschef lässt seinen Worten bereits erste Taten folgen: Um sich Kostenvorteile zu sichern, lässt er auf dem Leipziger Werksgelände ein Presswerk mit Komponentenfertigung bauen, wo BMW Türen und Klappen wieder selbst fertigen wird - und damit 150 neue Arbeitsplätze schafft.
Sein Vorstandskollege Draeger wappnet sich für das Thema Umwelt, das "an Bedeutung zunehmen wird". Sein Ziel: Er will sukzessive alle Baureihen von BMW auf mehr Leistung bei geringerem Verbrauch trimmen. "Wir wollen bis zum Ende des Jahres 400.000 Autos mit Efficient-Dynamics-Maßnahmen an unsere Kunden ausliefern. Diese Zahl dürfte nächstes Jahr entsprechend höher sein."
Reithofer hatte bereits angekündigt, bei der Vorstellung seines Strategieplans nicht nur auf geplante Volumen einzugehen, sondern auch einen Ausblick auf kommende Autos zu geben. Den Bau eines emissionsarmen Kleinwagens unterhalb des Einser schließt er nicht aus. Diskutiert werde auch der Vorschlag, dass Modelle während ihrer Laufzeit zwei Facelifts statt wie bislang nur eines erhalten. So will Reithofer in die Jahre gekommene Baureihen für die Kunden länger frisch halten - und sie davon abhalten, sich bei der Konkurrenz umzusehen.