Wenn wir die Flexibilität immer weiter zurückdrehen, haben wir ein richtiges Problem in Deutschland. Dann werden wir noch viel mehr Verlagerungen ins Ausland sehen. Wenn die Bundes- und die Landesregierungen sowie die Gewerkschaften nicht merken, dass hier ein anderer Weg eingeschlagen werden muss, werden wir in den nächsten fünf bis sieben Jahren massiv Arbeitsplätze in Deutschland verlieren. Nur wenn wir die Rahmenbedingungen einigermaßen so halten, dass wir zu verträglichen Kosten in Deutschland produzieren können, wird sich die Abwanderungsbewegung verlangsamen. Aber mittel- und langfristig werden wir weitere Kapazitäten in Deutschland reduzieren und diese in andere Länder verlagern. Aus meiner Sicht haben aber weder die Politik noch die Gewerkschaften dieses Thema nur im Ansatz erkannt.
"Die mit Abstand höchsten Energiepreise in Europa"
Weil immer mehr Flexibilisierungsinstrumente bei den Personalkosten verändert und eingeschränkt werden. Nehmen Sie die Tarifrunde des vergangenen Jahres. Das Thema Zeitarbeit ist im Prinzip tot. Da gibt es zwar eine Phase, in der sie als Unternehmer Zeitarbeiter noch einstellen können, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt kommen Branchenzuschläge zum Tragen, ab dem ein Zeitarbeiter genau so bezahlt werden muss, wie jeder Stammarbeitsplatz. Eine gewisse Flexibilität bleibt dann nur noch beim Auslaufen der Verträge, aber der Kostenvorteil fürs Unternehmen ist dahin.
Wir brauchen solche Werkverträge. Auch die Themen Arbeitszeit und Zuschläge müssen wir angehen. Das sind alles Aspekte, die die Arbeitskosten in Deutschland so in die Höhe treiben, dass das in vielen Fällen für die Unternehmen nicht mehr darstellbar ist. Natürlich haben wir in der Krise etwas gekonnt, aber da hatten wir eben noch uneingeschränkte Zeitarbeit, da gab es diese Ergänzung noch nicht, die sich 2012 aus dem Tarifvertrag ergeben hat. Da hat die Industrie sehr stark über den Abbau von Zeitarbeitern auf die Krise reagiert. Es gab auch die Regelung zum Kurzarbeitergeld, bei der auch die Sozialversicherungsbeiträge erstattet wurden.
Normalerweise ist es so, dass ein Arbeitnehmer beispielsweise 60 Prozent arbeitet und 60 Prozent seines Gehaltes erhält. Einen Ausgleich, das Kurzarbeitergeld, erhält er dann über die Bundesagentur für Arbeit. Aber die klassische Kurzarbeiterregelung sieht vor, dass der Arbeitgeber trotzdem 100 Prozent der Sozialversicherungsbeiträge trägt. Die Besonderheit des Programms, das die Bundesregierung in der Krise aufgelegt hatte war, dass sie den Unternehmen auch die verbleibenden 40 Prozent der Sozialversicherungsbeiträge erstattet hat.
Es gibt zwar die Ankündigungen der Bundesregierung, dass sie die alten Regelungen im Falle einer Krise wieder einführen wollen, aber man sperrt sich bereits jetzt ein entsprechendes Gesetzesverfahren durchlaufen zu lassen. Warum schafft man nicht jetzt schon die notwendigen Rahmenbedingungen, um im Falle einer Krise schnell die bewährte Regelung des Kurzarbeitergeldes wieder einführen zu können? Das alles sind Aspekte, die die Flexibilität immer mehr einschränken.
In einigen Aspekten ja. Da muss man sich dann nicht wundern, wenn Produktion ins Ausland verlagert wird. Neben den Personalkosten haben wir in Deutschland auch mit hohen Energiekosten zu kämpfen, die sich in den vergangenen Jahren stark nach oben entwickelt haben. Und 2014 stehen weitere Erhöhungen ins Haus. Wir haben hier jetzt schon die mit Abstand höchsten Energiepreise in Europa.
Das ist eigentlich eine ganz einfache Argumentation. Wir schütten prozentual mehr von unserem Gewinn aus als die Fahrzeughersteller. Und das ist auch bei einigen anderen Zulieferern der Fall. Das ist eine Frage der Relation. Absolut gesehen sieht das natürlich ganz anders aus. Mit unseren 1350 Euro bei ElringKlinger liegen wir da ganz gut. Wir verfügen über ein System, bei dem wir die Zahlungen nach oben und unten anpassen. Wir verzinsen das Humankapital, also die Arbeitskraft, genauso wie das Kapital der Geldgeber. Die Dividende ist bei uns beispielsweise um zwölf Prozent gestiegen und so haben wir auch die Prämien um den gleichen Prozentsatz erhöht.
Natürlich ist immer die Frage, wo das Geld verdient wird. Dass ein Großteil des Geldes im Ausland erwirtschaftet wird, trifft sowohl auf die Premiumhersteller wie auch auf etliche Zulieferer zu. Man muss sich schon die Frage stellen, ob man das Geld dann hier in Deutschland verteilen kann und soll?
Nicht nur die, das belastet alle Zulieferer. Und ich muss in aller Deutlichkeit sagen, wenn wir hier nicht zu einem System kommen, mit einem partnerschaftlichen Miteinander zwischen Fahrzeugherstellern und Zulieferern, dann werden wir an Innovationskraft verlieren. Es kommen sehr viele Innovationen aus dem Zuliefererbereich. Wenn die Hersteller nicht bereit sind dafür zu bezahlen, wird das verloren gehen.
Ja, beispielsweise sind die Asiaten bereit, dafür zu bezahlen. Innovationen von deutschen Zulieferern sind weltweit gefragt. Und da muss man in einem partnerschaftlichen Miteinander die Dinge voranbringen. Und wenn wir diese Innovationskraft in Deutschland halten wollen, dann müssen wir zu anderen Formen der Zusammenarbeit gelangen.
Wir brauchen Flexibilität in den Personalkosten, und wir müssen beispielsweise Änderungen bei den Zuschlägen erreichen. In der Metall- und Elektroindustrie ist es so vereinbart, dass ein Mitarbeiter, der, etwa aus persönlichen Gründen, um zwölf Uhr beginnt und nach 18 Uhr noch arbeitet, ab zwölf Uhr Spätzuschläge erhält.
Wir wollen diese Flexibilität erhalten, sei es weil der Mitarbeiter auf solche Arbeitszeiten etwa wegen einer Kinderbetreuung angewiesen ist, oder weil er in einem Projekt mit Nordamerika zusammenarbeitet und so seine Ansprechpartner besser erreichen kann. Wir brauchen also ein System, wo wir den Arbeitnehmern Flexibilität einräumen können, weil wir das als global aufgestelltes Unternehmen brauchen, aber auch weil die Mitarbeiter zunehmend diese Flexibilität nachfragen. Aber ich bin nicht bereit, dann dafür auch Zuschläge zu zahlen. Diese starren Systeme, die wir in Deutschland haben, schränken uns ein, und sie schränken auch die Mitarbeiter ein. Künftig werden wir noch viel mehr mit Themen konfrontiert werden, wie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und auch das Thema häusliche Pflege wird deutlich zunehmen, bei dem die Mitarbeiter auf flexible Arbeitszeiten angewiesen sind. Die Arbeitswelt ist heute kein statisches Gebilde. Und viele Tarif,- Arbeitszeit- sowie arbeitsrechtlichen Regelungen sind sehr starr.
Die Zwei-Klassen-Gesellschaft haben wir schon.
Das wird in diesem Bereich früher oder später genau so kommen wie in der Produktion. Bei ElringKlinger haben wir aber eine klare Entscheidung getroffen, dass wir unsere Kern- und Schlüsseltechnologien immer hier entwickeln werden. Schon deshalb, um den Know-how-Schutz zu haben. Aber anwendungstechnische Ingenieurdienstleistungen werden vermehrt ins Ausland verlagert. Wegen der Nähe zum Kunden, auf Grund der Kosten und auch wegen der höheren Flexibilität ohne zusätzliche Bezahlung.
Absolut. Ich rechne damit, dass wir in den kommenden fünf bis sieben Jahren eine deutliche Konsolidierung in der Zuliefererbranche sehen werden. Das hat zum Teil ja schon eingesetzt. Unser Kauf des Flachdichtungsbereichs der Freudenberg-Gruppe war beispielsweise eine klassische Konsolidierung.