Herr Stoll, warum hat Dacia praktisch noch keinen Wettbewerber in Europa im Niedrigpreissegment?
Um eine Budget-Marke erfolgreich zu etablieren, muss man drei große Aufgaben lösen, und zwar gleichzeitig und kohärent: Man muss Modelle effizient entwickeln, man muss sie kostengünstig herstellen und man muss sie zu geringen Vertriebskosten verkaufen. Deshalb kann man ein Budget- Auto nur außerhalb von Hochlohnländern produzieren. Wir bauen Dacia in Rumänien, Marokko und Brasilien. Ein Großteil der Modelle wird im rumänischen Stammwerk in Pitesti entwickelt. Sehr wichtig ist aber auch die erfolgreiche Arbeit von Dacia im Vertrieb. Wir haben den Verkauf stark optimiert, und zugleich gibt es für Dacia nahezu keine Rabatte. Dies alles ist nur mit einer sehr strengen Kostenkontrolle möglich und mit Menschen, die dieses Geschäftsmodell verstehen.
Das Wachstum der Marke in den vergangenen Jahren war beeindruckend. Wird der Zuwachs Nun flacher verlaufen?
Wir sind zuversichtlich, dass Dacia weiter zulegt. Denn es gibt eine wachsende Gruppe von Kunden, die keinen großen Wert auf Image legt, sondern eine funktionale Mobilität sucht. Erhebliches Potenzial sehen wir auch deshalb, weil die Bekanntheit der Marke noch relativ gering ist. Wir haben in Europa eine „Awareness“ von etwa 50 Prozent. Eine Steigerung der Bekanntheit bietet deshalb noch große Wachstumschancen.
Wie gewinnen Sie in einem Renault-Autohaus noch junge Kunden für die Marke Renault, wenn ein paar Meter weiter deutlich günstigere Alternativen stehen?
Dacia ist inzwischen seit zehn Jahren auf dem Markt, und deshalb gibt es immer mehr Kunden, die ihr Fahrzeug erneuern. Dabei haben wir festgestellt, dass etwa 25 Prozent der Dacia- Fahrer bei einem Neukauf zu Renault wechseln. 50 Prozent bleiben bei Dacia und weitere 25 Prozent wechseln zu einer anderen Marke. Wir gewinnen also mithilfe von Dacia auch Neukunden für Renault.
Wird Dacia in weitere Märkte vordringen? Wo sehen Sie die besten Wachstumschancen?
Wir werden in Indien ab der zweiten Jahreshälfte dieses Jahres im A-Segment ein Auto anbieten, das etwas größer sein wird als der Twingo. Als Preisziel haben wir uns die Schwelle von 5000 Euro gesetzt. Gebaut wird dieses Fahrzeug in unserem Werk im indischen Chennai. Und wie Sie wissen, verkaufen wir in einigen Regionen Dacia-Modelle unter dem Namen Renault, beispielsweise in Brasilien. Auch diesen Weg wollen wir fortsetzen.
In Deutschland würden viele Autohändler gerne Dacia in ihr Portfolio aufnehmen, ohne die gesamte Renault-Palette führen zu müssen. In Einzelfällen wurde dies bereits genehmigt. Soll es künftig generell möglich sein?
Wir haben dazu keine festen Regeln. In Frankreich gibt es durchaus Händler, die nur Dacia führen und nicht Renault. Wir wollen keine Händler in ein Geschäftsmodell zwängen, das nicht profitabel für sie ist. Natürlich gibt es für den Renault-Handel andere Standards als für den Dacia-Handel, das muss beachtet werden.