Herr Reimold, die Auslieferungszahlen von Porsche sind im Juli zurückgegangen, weil ein Zulieferer Probleme hatte. Was war da los?
Da war höhere Gewalt im Spiel. Im April gab es in Japan ein Erdbeben. Dies hat bei einem unserer Zulieferer für die Infotainment-Displays und Mikroprozessoren die Produktionsanlagen schwer beschädigt. Von den Lieferschwierigkeiten waren bei uns rund 14.000 Fahrzeuge vorwiegend der Baureihen Cayenne und Macan betroffen, bei denen wir die Module erst nachträglich einbauen konnten.
Wie lange wird sich dies noch auswirken?
Wir hatten sofort eine Einsatztruppe losgeschickt, um das Unternehmen bei der Behebung der Schäden zu unterstützen und Alternativen auszuloten. Im Fall einer Naturkatastrophe trifft niemanden eine Schuld. Ich bin sehr zufrieden, wie schnell die Lieferkette wieder intakt war. Trotzdem kam es vor allem in Europa zu einer gewissen Verzögerung bei der Auslieferung. Momentan werden noch einige Hundert Fahrzeuge nachgerüstet, spätestens Ende August ist das Thema erledigt. Von der derzeitigen VW-Problematik sind wir nicht betroffen.
Seit Anfang des Jahres haben Sie die Produktion der Zweitürer in Zuffenhausen gebündelt. Wie hat die Integration geklappt?
Ganz hervorragend. Wir haben den Schritt genutzt, um die Produktivität an unserem Stammsitz in Zuffenhausen nochmals deutlich zu erhöhen. Im vergangenen Jahr produzierten wir hier rund 200 Fahrzeuge pro Tag. Im ersten Halbjahr dieses Jahres steigerten wir die tägliche Stückzahl bereits auf 220 Einheiten der Modelle Boxster und 911. Bis Ende des Jahres werden wir eine Tagesproduktion von 240 Fahrzeugen erreichen. Eine derartige Effizienzsteigerung ist enorm. Damit ist für mich das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Ich könnte mir vorstellen, dass wir 2017 sogar auf 250 Einheiten pro Tag kommen.
Ist das für die Mitarbeiter nicht eine riesige Belastung?
Was die Mannschaft in den vergangenen Monaten auch wegen des Markterfolgs des neuen 718 Boxster und des 911 hier in Zuffenhausen geleistet hat, ist beeindruckend. Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Niemand muss deswegen schneller laufen oder wird mehr belastet. Vielmehr haben wir es geschafft, das Produktionssystem technisch und organisatorisch weiter zu optimieren und haben beispielsweise Lauf- und Logistikwege verkürzt.
Können Sie beziffern, was durch die Produktivitätssteigerung in Zuffenhausen gespart wird?
Grundsätzlich streben wir eine jährliche Steigerung der Produktivität um etwa sechs Prozent an. Zu der Erhöhung der Tagesproduktion kommen Einsparungen durch die Standortentscheidung für die Produktion des 718 Cayman hinzu. Durch die Verlagerung der Fertigung von Osnabrück nach Zuffenhausen sparen wir eine erkleckliche Summe, da wir die Materialströme fokussiert auf einen Standort ausrichten. Natürlich gibt es eine kritische Größe, die es auch erforderlich machen kann, wieder an anderen Standorten zu produzieren.
Wäre es denn möglich, abgesehen vom ersten rein elektrischen Porsche Mission E, noch ein weiteres Modell in Zuffenhausen zu produzieren?
Man soll nichts ausschließen. Aber der Standort Zuffenhausen hat Grenzen. Generell gilt: Wir müssen uns für die Zukunft möglichst flexibel aufstellen. Bei einem nachhaltigen Erfolg der zweitürigen Sportwagen benötigen wir ein funktionierendes Produktionsnetzwerk – entweder innerhalb des Volkswagen-Konzerns oder beispielsweise in Kooperation mit einem Zulieferer. Das oberste Ziel ist es, unseren Kunden ihren Porsche möglichst schnell auszuliefern.
Die dritte Generation des Cayenne wandert nach Bratislava, dafür wird der neue Panamera neben dem Macan komplett in Leipzig gefertigt. Ist das Produktionsnetzwerk damit nach ihren Vorstellungen geknüpft?
Die Grundrichtung stimmt. Allerdings lässt sich das Lieferantennetzwerk rund um die Standorte hier und da noch verbessern, um etwa die Logistikwege weiter zu verkürzen. Abgesehen davon ist Autobauen ein Mannschaftssport. Deshalb machen wir uns immer Gedanken darüber, wie wir unser Netzwerk weiter optimieren können.
China ist inzwischen auch für Porsche der wichtigste Markt geworden. Ist eine Produktion dort in Zukunft denkbar?
Im Moment spielt das keine Rolle. Ich will aber heute nicht ausschließen, dass gesetzliche Hürden bei der Einfuhr unter gewissen Umständen irgendwann einmal eine Endmontage vor Ort notwendig machen könnten. Wir fragen regelmäßig unsere Kunden: Und die sagen ganz klar, dass die Produktion hier in Europa ein ganz wichtiges Kriterium für den Kauf eines Porsches ist. Gerade die Chinesen wollen Autos wegen unseres Qualitätsanspruches. Diesen Vorteil setzen wir nicht ohne Not aufs Spiel.
Porsche ist immer mehr Teil des großen Volkswagen-Konzerngeflechts. Macht dies die Dinge komplizierter?
Mit seiner Tradition und mit seiner Kompetenz ist Porsche ein wertvoller Partner für den Konzern. Das zeigt sich etwa bei der neuen Motorenproduktion hier in Zuffenhausen. Dort planen wir V8-Aggregate der neuesten Generation auch etwa für Bentley herzustellen. Umgekehrt profitiert Porsche vom Baukastensystem bei den SUV oder bei der Entwicklung von Grundtechniken in der Fertigung. Der Konzern ist für mich ein Reservoir, aus dem man unendlich Ideen schöpfen und natürlich auch viele Synergien heben kann.
Mit dem rein elektrischen Mission E betreten Sie auch in der Produktion Neuland. Was wird anders?
Wie schon angedeutet, sind die Platzverhältnisse in Zuffenhausen eine große Herausforderung. Insgesamt müssen wir 17 Gebäude neu bauen oder für Übergangslösungen umwidmen. Teilweise haben wir bereits damit begonnen, teilweise liegen die Anträge noch bei der Stadt, die unser Vorhaben unterstützt. Der Mission E unterstreicht ja nicht nur die Bedeutung unseres Standortes, sondern auch des Technologiestandortes Baden-Württemberg.
Wie viel Geld nehmen Sie dafür in die Hand?
Wenn alles fertig ist, haben wir allein in Zuffenhausen rund 700 Millionen Euro investiert – in die Mobilität der Zukunft und in die Produktion der Zukunft. Mit der Fertigung des ersten rein elektrischen Porsche werden wir den bereits eingeschlagenen Weg der Porsche Produktion 4.0 fortsetzen. Nicht revolutionär sondern als Evolution unseres bestehenden Produktionssystems, um mit den Methoden der Industrie 4.0 noch effizienter, vernetzter und nachhaltiger zu werden. Zudem handelt es sich um ein völlig neues Produkt mit einem neuen Antrieb. Dafür müssen einige Standardprozesse von Grund auf neu festgelegt werden.
Mit dem Mission E entstehen rund 1000 Arbeitsplätze, viele in der Produktion. Sind sie zuversichtlich, ihre Mannschaft rechtzeitig an den Start zu bekommen?
Wir haben bereits viele Bewerbungen. Entscheidend ist für uns, die richtigen Leute mit der richtigen Einstellung für dieses Projekt zu finden. Das ist nicht ganz einfach. Ich bin aber zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.