Wolfsburg. Die Sanierungspläne des VW-Konzerns nehmen Gestalt an. Nach der Einigung mit der Gewerkschaft IG Metall über neue Arbeitszeiten und eine bessere Auslastung der Werke feilt der Volkswagen-Vorstand jetzt intensiv an letzten Details. So sollen die Fertigungszeiten im Stammwerk Wolfsburg massiv reduziert werden, um die Produktivität zu erhöhen. "Wir stehen unter enormem Zeitdruck", räumte ein Topmanager aus dem Umfeld von Konzernchef Bernd Pischetsrieder gegenüber Automobilwoche ein. Hintergrund der Eile: Im November beschließt der VW-Aufsichtsrat die "Planungsrunde 55", die zentrale Investitionsentscheidungen für die kommenden Jahre festlegt.
VW plant Audi-Produktion in Wolfsburg
Um etwa die Kapazitäten des Hauptwerks Wolfsburg künftig besser zu nutzen, plant VW intern fest mit der Montage der nächsten Generation des Audi A3, der technisch eng mit dem Golf verwandt ist. Zwar sträubt sich Audi-Chef Martin Winterkorn noch gegen eine Verlagerung aus Ingolstadt. Mit Porsche-Chef und VW-Aufsichtsrat Wendelin Wiedeking hat dieses Vorhaben jedoch einen gewichtigen Fürsprecher gefunden. "Wiedeking ist von der Zentralisierung der Golf- und A3-Montage zutiefst überzeugt", bestätigt ein Insider. "Inzwischen gilt das auch für Ferdinand Piëch." Als Vorsitzender des VW-Aufsichtsratspräsidiums und Anteilseigner des VW-Großaktionärs Porsche hält Piëch in der Planungsrunde 55 die Fäden in der Hand. Der aktuelle A3 soll jedoch noch bis Ende des Jahrzehnts in Ingolstadt vom Band laufen, heißt es bei Audi.
Die Zusage, neben dem neuen Golf ein "zusätzliches Volumenmodell" im Stammwerk Wolfsburg zu bauen, um die "Kapazitäten für 460.000 Fahrzeuge voll auszulasten", ist ein wichtiges Element der Vereinbarungen, die VW mit der IG Metall getroffen hat. Im Gegenzug gab die IG Metall ihren Widerstand gegen eine Verlängerung der Arbeitszeit von bisher 28,8 Stunden pro Woche auf. Ab 2007 werden Beschäftigte in der VW-Produktion je nach Auftragslage bis zu 33 Stunden ohne Lohnaufschlag arbeiten, alle anderen Mitarbeiter zwischen 26 und 34 Stunden. Diese Arbeitszeitkorridore hält VW-Personalvorstand Horst Neumann für unverzichtbar, um die "Wettbewerbsfähigkeit von VW voranzubringen". VW-Verhandlungsführer Klaus Dierkes, Leiter Personal Deutschland, beurteilt die neuen Regelungen als guten Kompromiss: "Wir haben Arbeitskosten und Arbeitszeiten auf Branchenniveau erreicht, ohne dass die Mitarbeiter Geld verlieren."
Auch für das VW-Werk im Emden hat VW eine "Stückzahlerhöhung" zugesagt. Neben dem Passat als Limousine und Variant sowie einem auf der gleichen Plattform basierenden "CC-Coupé" ist nach Mitteilung der IG Metall für die Fabrik in Ostfriesland nun "ein weiteres Fahrzeug vorgesehen".
Wie Kenner der VW-Produktplanung der Automobilwoche bestätigten, hat ein Lifestyle-Kombi dabei die größten Realisierungschancen. "Wir prüfen momentan ein innovatives Auto in der Art des Konzepts Shooting Brake von Audi", sagt ein Vertrauter von VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard. Von einem "bezahlbaren VW-Sportkombi mit hoch emotionalem Design" erhoffe sich Bernhard nach der für 2008 vorgesehenen Neuauflage des Scirocco "weitere Wachstumschancen in einem Nischensegment".
IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine, der in den "sehr harten Verhandlungen" (Horst Neumann) mit VW die Interessen der Gewerkschaft vertrat, freut sich vor allem über die "konkreten Produktzusagen und die Ausweitung der Beschäftigungssicherung über 2011 hinaus". Bis zu diesem Zeitpunkt läuft der VW-Tarifvertrag, der Kündigungen ausschließt. Von der Tragfähigkeit der nun bei VW ausgehandelten Anpassungen ist Meine so überzeugt, dass er im Gespräch mit dieser Zeitung deren flächendeckende Einführung vorschlägt: "Allen Automobil- und Zulieferfirmen in Niedersachsen mache ich das Angebot, auf Basis bestehender Monatsentgelte in der Metallindustrie und einer nachhaltigen Beschäftigungs- und Standortauslastungsgarantie einen Arbeitszeitkorridor von 25 bis 33 Stunden zu vereinbaren."
Obwohl VW die Forderung nach einer Rückkehr zur 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich nicht durchsetzen konnte, geht das Management nicht als Verlierer aus den Gesprächen. Insbesondere Markenchef Bernhard gilt als unbeschädigt, obwohl er öffentlich eine Verlagerung der Golf-Montage aus Wolfsburg erwogen hatte. "Das war eine leere Drohung", weiß ein Teilnehmer der Top Management Conference, die VW im September in Ehra-Lessien abhielt. Dort sei der Sanierungskurs ein wichtiges Thema gewesen – "ein Abzug des Golf aber nicht mal im Ansatz".