Von seiner Begegnung mit einem Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns vor etwas mehr als einem Monat sind dem Autoren dieser Zeilen vor allem zwei Sätze in Erinnerung geblieben. "Ferdinand Piech denkt nicht zwei oder drei Schritte voraus, er hat stets schon seine nächsten sechs, sieben Züge im Hinterkopf", lautet die erste Erkenntnis des Aufsehers über den weiten Planungshorizont des 69-jährigen VW-Patriarchen und Porsche-Enkels.
Des Ratsherrn zweite Überlegung: "Piechs Schachzüge könnten ganz am Ende in eine gemeinsame Holding münden, in der VW und Porsche ihre wirtschaftlichen Aktivitäten bündeln würden, um das neu geschaffene Unternehmen auf Jahre hinaus für den immer härteren Konkurrenzkampf im Automobilgeschäft zu wappnen".
Die jüngsten Ereignisse um den Volumenhersteller aus Wolfsburg und den Premiumproduzenten aus Stuttgart-Zuffenhausen tauchen das unter konspirativen Umständen - Piech ist auch gefürchtet für seinen Argwohn und den kurzen Draht zum VW-Ressort Konzernsicherheit - geführte Hintergrundgespräch in ein neues Licht. Und sie bestätigen die erste These des VW-Insiders rundum: Die Aufstockung der Porsche-Beteiligung an VW, die der Porsche-Aufsichtsrat in einer außerordentlichen Sitzung jetzt genehmigt hat, ist ohne jeden Zweifel eine Idee von Ferdinand Piech höchstselbst - und von langer Hand geplant gewesen.
Bei These zwei wählte der VW-Kenner bewusst den Konjunktiv. Piechs Manöver könnten in eine Holding-Struktur münden; VW und Porsche würden ihre Stärken gern noch intensiver bündeln, um sich für den globalen Wettbewerb zu rüsten. Doch bis es dazu kommt, wären noch eine ganze Reihe rechtlicher und finanzieller Hürden zu nehmen. Ganz zu schweigen vom möglichen Einspruch aus der hohen Politik, die den für äußerst effiziente Produktionsmethoden und auch in der Administration betont schlanke Arbeitsstrukturen bekannten Porsche-Managern ja schon heute insgeheim unterstellt, die VW-Belegschaft am liebsten schnellstmöglich noch weiter reduzieren zu wollen.
Einstweilen, bis Piech seine wahren Absichten offenbart, bleibt das Holding-Szenario eine kühne Vision. Aber "Charme", das sagt auch der VW-Aufseher, der offen bekennt, Piechs Strategie "nur in groben Zügen abschätzen" zu können, hätte "die große Lösung" schon. Unter dem verbreiterten Porsche-Dach könnten neben dem Volumenhersteller VW (mit Skoda, zunächst auch noch mit Seat) die Premiummarken Porsche und Audi glänzen sowie ein Nutzfahrzeugkonglomerat von Scania, MAN und VW Nutzfahrzeuge. Viele Entscheidungswege - vom gemeinsamen Einkauf über die Fahrzeugentwicklung bis hin zur flexiblen Nutzung der Werke - könnten verkürzt, geldwerte Skaleneffekte gehoben, neue Nischenmärkte erschlossen werden. Wenn Piech sein Amt als Vorsitzender des VW-Aufsichtsrats eines Tages tatsächlich niederlegt, könnte sein getreuer Gefolgsmann Martin Winterkorn die einflussreiche Position übernehmen.
Doch im Hintergrund behält Holding-Bauherr Piech stets sämtliche Fäden in der Hand. Zumindest dieser Teil ist bei Porsche und Volkswagen längst Realität.