München. So schön sie für hunderte von derzeitigen und ehemaligen Karmann-Mitarbeitern ist, die Aussicht auf einen Job bei Volkswagen, so fragwürdig ist die Entscheidung des VW-Aufsichtsrates. Betriebswirtschaftlich, da kann man es drehen und wenden wie man will, macht der Kauf eines Teils des insolventen Zulieferers wenig Sinn. Die Übernahme des ehemals größten Arbeitgebers in Osnabrück ist ein Rückfall in die Zeiten, als Volkswagen vom Großaktionär Niedersachsen ständig gezwungen wurde, Strukturpolitik zu betreiben. Deshalb zum Beispiel gibt es ein VW-Werk in Emden. Deshalb wurde in Wolfsburg die in den 90er Jahren dringend gebotene Verkleinerung des VW-Stammwerkes stets vermieden. Auch der gewerkschaftliche Einfluss auf die Entscheidung ist offensichtlich.
Dass sich VW dennoch in den vergangenen Jahren so gut entwickelt hat, liegt auch daran, dass sich das Land mit solcherlei Einflussnahme auf die Unternehmensführung zuletzt stark zurückgehalten hatte. Doch offenbar wollte sich die VW-Führung bei Ministerpräsident Christian Wulff für die Unterstützung gegen Porsche bedanken. Nun liegt es am VW-Management zu zeigen, dass die Karmann-Entscheidung kein Rückfall in alte Zeiten, sondern ein einmaliger Ausrutscher ist.
Die industrielle Logik erschließt sich jedenfalls nicht: Längst sind die großen Autohersteller in der Lage, auch Kleinserien-Fahrzeuge wie Cabrios und Coupés profitabel in den eigenen Werken zu bauen. Damit wurde den markenunabhängigen Spezialisten wie Karmann, Magna und Valmet ein Teil der Geschäftsgrundlage entzogen. Erschwerend kommt hinzu, dass man beispielsweise bei Daimler ein Problem hat, Kleinserien an Karmann auszulagern, während gleichzeitig die eigenen Leute in Kurzarbeit stehen oder gar von Jobverlust bedroht sind.
Als Nischenmodell bliebe den Karmännern dieser Welt noch das Elektro-Auto. Die Fertigung solcher Fahrzeuge unterscheidet sich in so vielen Schritten vom Bau eines konventionellen Autos, dass sich hier eine Nische für die Nischen-Spezialisten auftut. Valmet nutzt sie und produziert den Elektro-Kleinwagen Think. Doch für Karmann kommt die Elektro-Welle offenbar zu spät.
Zudem sieht VW den Strom-Antrieb als Schlüsseltechnologie, die man nicht extern entwickeln will, sondern im eigenen Konzern. Also wird in Osnabrück künftig wohl das Golf Cabriolet gebaut. Das ist wenig originell.
Andererseits: VW zahlt für die Karmann-Teilübernahme zwischen 30 und 60 Millionen Euro. Das ist vor dem Hintergrund der 12-Milliarden-Übernahme von Porsche dann doch eher eine Petitesse. Um sich an den Finanzmärkten den Ruf zu ramponieren, reicht es dennoch.