Turin. Als erster Automobilhersteller hat Fiat mit dem neuen Golf-Konkurrenten Bravo ein Auto komplett am Computer entwickelt. Esgab keine Tonmodelle, keine Schnittvorlagen oder Teileträger, bis das erste Testmodell vom Stapel rollte. Der Sprung in die Virtual Reality wurde dabei aus der Not geboren.
„Im Februar 2005 haben wir alle bestehenden Planungen für den neuen Bravo über den Haufen geworfen“, blickt Fiat-Chefentwickler Harald J. Wester zurück. Alle Verantwortlichen seien nach der Sitzung damals betroffen nach Hause gestapft – weder Prototypen noch Ideen in der Hinterhand. Wester weiter: „Drei Monate später konnten wir intern das erste, komplett neu entwickelte Fahrzeug präsentieren.“ Eine irreale Geschichte, wie sie es in der Automobilbranche bisher noch nicht gegeben hat. Doch kann man allein am Bildschirm einen ernst zu nehmenden Konkurrenten für die erfolgreiche Kompaktklassenriege von Golf, Astra und Focus erschaffen? Schließlich ist der Vorgänger Fiat Stilo im Markt real kaum existent. Mut machten Entwicklungen in der Flugzeugindustrie. Hier werden die Modelle seit vielen Jahren ausschließlich in der Welt von Bytes und Bits kreiert und dann auf ihren Jungfernflug geschickt. Dante Giacosa, Vater der Fiat-Legenden 500 und 600 hatte es in den 50er Jahren bereits geahnt: „Elektronengehirne werden in der Zukunft grundlegend an der Schaffung von Fahrzeugen beteiligt sein.“
Längst werden Autos nicht mehr allein am Reißbrett gezeichnet. Seit vielen Jahren haben bei allen Herstellern aufwändigste Computerkreationen Einzug in die Designabteilungen gehalten. Doch Fiat ging beim Bravo zwei Schritte weiter. Die Zeit drängte und der Kostendruck machte das Projekt nicht einfacher. Weder bei der Entwicklung des Grande Punto noch bei der Geburt des neuen Hoffnungsträgers Fiat 500 setzten die Turiner derart alles auf eine Karte wie beim neuen Bravo. „Wir können das neue Modell sechs Monate früher auf den Markt bringen als ursprünglich geplant. Die Entwicklungszeit beträgt gerade einmal 18 Monate; beim Stilo waren es noch 26“, erläutert Harald J. Wester nicht ohne Stolz.