Herr Wesemann, Ford beschleunigt die Entwicklung von Kohlefaserverbundwerkstoffen für die Großserie. Ist das neu für den Autobauer?
Ford hat langjährige Erfahrung mit kohlefaserverstärkten Kunststoffen und diese schon vor vielen Jahren in die Serie gebracht. Das war zum Beispiel beim Aston Martin Vanquish der Fall, dessen A-Säulen und Getriebetunnel aus Kohlefaser bestehen. Beim früheren Ford GT war die Heckklappe daraus gefertigt. Wir werden Kohlefaser auch bei dem angekündigten neuen GT in großem Umfang einsetzen.
Aber jetzt geht es um die Großserie. Wann werden wir einen Focus oder einen Fiesta mit Kohlefaser- Bauteilen sehen?
Wir arbeiten daran, Kohlefaser in der Großserie einzusetzen. Dabei gibt es aber noch viele Hürden zu überwinden, gerade bezüglich der Kosten. Daher ist ein wichtiges Ziel der Kooperation mit Dow- Aksa, kostengünstige Fertigungsprozesse für die Faserherstellung, aber natürlich auch für die Verarbeitung zum fertigen Bauteil zu entwickeln. Letztlich geht es darum, dass ein großer Hersteller wie Ford alle Leichtbau-Optionen im Griff haben muss. Wir wollen in allen Bereichen über das nötige Know-how verfügen, um auf alle Marktanforderungen eine Antwort zu haben.
Einen großen Schritt in Richtung Leichtbau in der Großserie hat Ford mit der Alu-Karosserie des F-150 unternommen. Was war die größte Herausforderung?
Das ist natürlich das enorme Produktionsvolumen. Bisher haben wir Autohersteller im Alu-Bereich im besten Fall 60.000 Alu-Karosserien von einem Modell pro Jahr gebaut, beim F-150 liegen wir um den Faktor zehn darüber. Das stellt besondere Anforderungen an die Fertigungsprozesse, insbesondere an die Fügetechnik. Auch beim Recycling gehen wir neue Wege, denn Alu ist sehr wertvoll. Im Rahmen unseres Recyclingkonzepts werden Produktionsabfälle sortenrein getrennt und direkt zur Herstellung der gleichen Legierung wiederverwertet.
Ist die Alu-Karosserie für einen Volumenbauer wie Ford letztlich nicht zu kostspielig?
Wir haben analysiert, wie wir Kundenanforderungen wie Verbrauch, Kosten, Nutzlast und Fahrdynamik am besten gerecht werden können. Beim F-150 war die Aluminium-Karosserie die beste Lösung. Bei einem anderen Fahrzeug kann man aber auch zu anderen Schlüssen kommen.
Wird Ford nach den positiven Erfahrungen beim F-150 auch in anderen Baureihen verstärkt Aluminium einsetzen?
Um das ganz klar zu sagen: Aluminium wird Stahl nicht ablösen. Stahl wird auch in Zukunft noch eine sehr große Rolle im Automobilbau spielen, wobei der Anteil hoch fester und ultrahochfester Stähle weiter zunehmen wird. Aber die Bedeutung von Aluminium wird steigen, gerade im Rahmen der Mischbauweise mit anderen Werkstoffen.
Aluminium hat in Nordamerika nicht nur einen positiven Ruf. Beim neuen F-150 sorgen sich viele Amerikaner wegen einer angeblich höheren Verwindung, schwierigeren Reparaturen und teureren Versicherungen.
Wir sind beim F-150 absolut keine Kompromisse bei der Verwindungssteifigkeit eingegangen. Der F-150 ist eine amerikanische Ikone, die auch unter härtesten Bedingungen als Nutzfahrzeug im Einsatz ist. Zum Thema Reparaturen: Ford hat zusammen mit I-CAR, der Inter-Industry Conference on Auto Collision Repair, ein umfangreiches Trainingsprogramm für den F-150 entwickelt, das für alle Ford-Händler und auch für freie Werkstätten zur Verfügung steht. Und die Reparatur- und Versicherungskosten konnten wir niedrig halten, indem wir schon beim Design auf Reparaturfreundlichkeit geachtet haben.