Herr Schreiber, wie schwierig ist die Situation der Autobranche in Russland derzeit aus Ihrer Sicht wirklich?
Der Gesamtmarkt ist ausgesprochen schwierig. Eigentlich genügt es zu wissen, dass es in den vergangenen 24 Monaten nur zwei Monate mit einer kümmerlichen Erholung gab, ansonsten ging es nur abwärts. Der Rubelverfall krempelt den ganzen Markt um. Und dies ist keine kleine Delle. Die gesamten Reallöhne in Russland sind per Ende März um zehn Prozent gesunken im Vergleich zum Vorjahr. Das steckt kein Markt so leicht weg.
Gibt es wenigstens Anzeichen für eine erste Erholung?
Manche haben sich Ende vergangenen Jahres zu früh gefreut, als es einen gewaltigen Käuferansturm gab, der auch von Nachfrage aus Weißrussland und Kasachstan getrieben wurde. Das waren aber Vorzieheffekte. Die Kunden wussten, dass der Rubel noch mehr an Wert verlieren wird. Jetzt geht die Krise erst so richtig los. Wir gehen durch ein Tal der Tränen.
Ist allein der Rubelverfall verantwortlich für diesen Absturz?
Nicht nur. Neben dem Rubel-Effekt sehen wir auch massiv steigende Betriebskosten für das Autofahren in Russland. Zuletzt sind die Versicherungen wesentlich kostspieliger geworden, der Sprit ist trotz der Ölvorkommen Russlands teuer, und auch die Zinsen für Autokredite sind abschreckend hoch. In der Spitze haben wir Konsumentenkredit- Zinsen von bis zu 30 Prozent gesehen, derzeit liegen sie bei rund 20 Prozent.
Wie reagieren die Hersteller und Importeure auf die Krise?
Wir sehen die ganze Bandbreite an Reaktionen, vom vollständigen Marktrückzug über moderate bis hin zu enormen Preissteigerungen. Die schwanken je nach Hersteller zwischen drei und 40 Prozent. Die Branche sagt sich derzeit einfach nur: Augen zu und durch.
Wie lange wird dieser Abwärtsstrudel Ihrer Einschätzung nach noch dauern?
Es wird kein schnelles Wiederaufleben geben, dazu sind die Fundamentaldaten zu schlecht. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir in diesem Jahr noch weiter nach unten gehen werden und auch 2016 sehr schwierig wird. Ab 2017 könnte dann wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen sein. Wir standen ja 2012 schon einmal kurz davor, Deutschland als größten Automarkt Europas abzulösen mit knapp drei Millionen Neuzulassungen. Bis wir wieder dieses Niveau erreicht haben, wird es nun sicher noch mehrere Jahre dauern.
Gibt es denn keine Entlastung durch eine stabile Geschäftskunden- Nachfrage?
Auch die russischen Unternehmen ächzen unter der Wirtschaftskrise. Und Sie müssen bedenken, dass der russische Neuwagenmarkt ein Privatkundenmarkt ist. Fast 80 Prozent aller Neufahrzeuge werden an Privatleute verkauft. Deshalb ist Russland übrigens selbst heute noch einer der größten Privatkundenmärkte Europas, noch vor Deutschland. Wenn das Vertrauen der Verbraucher zurückkehrt und dieser Markt wieder anzieht, dann hat er auch entsprechend großes Potenzial
Wie wird der russische Automarkt nach dem Ende der Krise aussehen? Erwarten Sie da merkliche Verschiebungen?
Und wie. Der Markt wird anders strukturiert sein, wenn wir aus der Krise herauskommen. Einige Hersteller, die ich jetzt nicht nennen will, haben sich aus dem Markt zurückgezogen. Damit wird ihre Marke massiv zurückgeworfen. Und bei den meisten Marken leidet deren Händlernetz enorm. Auch dort wird es massive Veränderungen geben. Etliche Händler werden diese Krise nicht überleben. Das ist umso bedauernswerter, als der russische Autohandel in den vergangenen Jahren beeindruckende Strukturen und moderne Betriebe geschaffen hat.