Chengdu. Für Volvo beginnt in diesem Jahr eine neue Zeitrechnung. Im vierten Quartal starten die Schweden die Serienfertigung in ihrem ersten Werk in China, weitere Werke sind im Bau.
Volvo will damit seine Herstellungskosten senken und die hohen Luxussteuern verringern, der Start in China bedeutet aber noch mehr: Künftig sollen kostengünstige Komponenten der neuen Lieferanten aus China in der Europa-Fertigung verbaut werden. "Das Prinzip der ‚Reverse globalization' ist eine Option, die wir erwägen,“ sagte Konzernchef Hakan Samuelsson in Chengdu im Gespräch mit der Automobilwoche.Der designierte neue Einkaufs- und Produktionschef Lars Wrebo wird konkreter: "Wir wollen komplexere und eher kleine Komponenten, wie insbesondere Elektronik-Bauteile, nach Europa bringen.“ Komplette Assistenzsysteme werde Volvo aber zunächst noch nicht aus China beziehen.Volvos großer Sprung nach vorne in China
Grundsätzlich will Volvo seine China-Fertigung ebenso wie die Wettbewerber zunehmend auf lokale Lieferanten umstellen. Bis 2020 soll das Lokalisierungs-Niveau von Audi erreicht werden - nämlich ein Anteil von mehr als 80 Prozent. Mit dem Produktionsbeginn in diesem Herbst wird die Quote zunächst nur bei knapp 50 Prozent liegen. Zum Start der Fertigung kommen 115 überwiegend internationale Lieferanten mit chinesischen Standorten zum Zug, davon 29 rein chinesische Lieferanten.
Doch das ist nicht alles. "Wir wollen und müssen unabhängiger von Währungsschwankungen vor allem bei unseren Dollar-Geschäften werden“, erklärt Konzernchef Samuelsson. Er kann sich vorstellen, dass in China gefertigte Fahrzeuge künftig auch in andere Märkte geliefert werden. "Aber das hat keine Priorität, die Kapazitäten aus China sind bis auf Weiteres vollständig für den chinesischen Markt bestimmt.“Hier nämlich will Volvo endlich Vollgas geben – drei Jahre nach der Übernahme durch Geely. Die neue Fabrik am Rande der rund sieben Millionen Einwohner zählenden Stadt Chengdu soll dabei helfen. Das hochmoderne Werk umfasst ein komplettes Presswerk, Karosseriebau, Lackierwerk, Endmontage sowie Logistikbereich. Für Volvo bedeutet der Start in Chengdu den größten Sprung seit Jahrzehnten auf dem Weg zu dem Ziel, die Verkäufe bis 2020 weltweit auf 800.000 nahezu zu verdoppeln. 200.000 davon sollen auf China entfallen.Die Investition verdankt Volvo seinem chinesischen Mehrheitseigner Geely, der das Grundstück zur Verfügung stellte und den kompletten Neubau finanzierte. Zur Höhe der Investitionen will Volvo-Chef Hakan Samuelsson nur so viel sagen: "So ein Werk kostet mehrere Milliarden Dollar, aber in China ist es günstiger als in Europa oder in den USA."Geely-Chairman Li Shufu gab in der vergangenen Woche bei der internationalen Vorstellung des Werkes ein klares Bekenntnis ab: "Der Erwerb von Volvo ist kein finanzielles Engagement, sondern eine strategische Investition, die auf lange Sicht angelegt ist.“ Shufu verkündete noch eine weitere willkommene Botschaft: "Dies ist keine Beziehung zwischen Vater und Sohn, sondern eine zwischen Brüdern," beschrieb er das Verhältnis zwischen den beiden ungleichen Unternehmen.
Der Geely-Boss will damit Befürchtungen entgegentreten, dass er die Geduld mit Volvo verlieren könnte. Denn 2012 musste der schwedische Autobauer herbe Rückschläge auf den meisten Märkten verkraften. In China verkaufte er nur noch 42.000 Einheiten nach 47.000 im Jahr zuvor. Ganz im Gegensatz zum anhaltenden Wachstum bei BMW (40 Prozent) und Audi (30 Prozent). Weltweit purzelten die Volvo-Verkäufe um 6,1 Prozent auf 421.951 Einheiten.Von Wachstum in Europa hat sich Volvo-Chef Samuelsson vorerst verabschiedet: "In Europa geht es darum, den Absatz zu stabilisieren. In einem schrumpfenden Markt wachsen zu wollen, wäre für uns viel zu teuer."In China aber verfolgt Volvo mit dem neuen Werk ehrgeizige Ziele: "Wir wollen die Nummer vier in Chinas Premiummarkt werden nach Audi, BMW, Mercedes und Land Rover", kündigt der neu angeheuerte China-Vertriebschef Fu Qiang an, der schon leitende Positionen bei VW, Audi und Skoda in China hatte.Fu Quiang verweist auf den positiven Trend der ersten vier Monate im laufenden Jahr: Per Ende April stiegen die Verkäufe wieder um 27 Prozent. "Nichts ist unmöglich in China", sagt der Vertriebs-Experte. "Ich vertraue nicht nur auf Daten und Statistiken - ich vertraue auch auf mein Urteilsvermögen - und dieses Land verändert sich so rasend schnell." So will Fu unter anderem ausgemacht haben, dass chinesische Premiumkunden ihren Wohlstand zunehmend verbergen wollen, statt ihn mit demonstrativen Luxusautos vorzuführen. Für diese Kunden sieht sich Volvo traditionell als erste Wahl, denn weltweit werden die Schweden vor allem bei Käufern mit intellektuellen Berufen geschätzt.Das neue Werk in Chengdu liegt inmitten eines automobilen Entwicklungsschwerpunktes: Keine zehn Autominuten entfernt befindet sich ein Joint-Venture-Werk von VW und FAW, eine Fertigung von Toyota ist noch näher gelegen, rundum grenzt Zulieferer an Zulieferer. Und unmittelbar neben dem 500.000 Quadratmeter großen Werksgelände von Volvo schließt sich ein Fertigungswerk des Mutterkonzerns Geely Automotive an.
Ab Herbst wird nun in Chengdu eine neue Langversion des Mittelklassewagens S60 gefertigt, der S60 L. Im laufenden Jahr sind davon 1500 Einheiten geplant, 2014 soll das Werk 30.000 Fahrzeuge ausstoßen und 2015 die volle Kapazität von 120.000 Einheiten im Zwei-Schicht-Betrieb erreichen, mit dann rund 1100 Bandmitarbeitern. Bei Bedarf könnten im Dreischicht-Betrieb auch bis zu 180.000 Einheiten jährlich produziert werden.Die Schweden wollen aber noch mehr: 2014 ist Spatenstich für ein zweites Werk in Daqing im Nordosten Chinas. Gleichzeitig entsteht in Zhangjiakou, zwei Autostunden nördlich von Peking, eine eigene Motorenfertigung. Zunächst sollen die Motoren dort rund drei Jahre lang aus importierten und demontierten Komplettmotoren (CKD-Fertigung) zusammengebaut werden. Erst dann glaubt Produktions- und Einkaufschef Lars Wrebo, dass die lokalen Zulieferer in der Lage sein werden, alle Komponenten in der geforderten Qualität zu liefern. Außerdem sollen dann vom Start weg in China die neuen VEA-Motoren (Volvo Environmental Architecture) gefertigt werden, die ab diesem Herbst in Europa zum ersten Mal in den facegelifteten Modellen verbaut werden.