München. Die europäischen Versicherungsgesellschaften arbeiten an Konzepten für maßgeschneiderte Kfz-Versicherungspolicen. Vergleichbar mit Wasser- oder Stromrechnungen bezahlt der Nutzer bei "Pay As You Drive" (PAYD) einen Versicherungsbeitrag, der sich nach seinem tatsächlichen "Verbrauch" richtet.
Profiteure einer solchen Regelung sind Autofahrer, die ihr Fahrzeug nur wenig benutzen und durch die herkömmliche pauschale Berechnung überproportional belastet werden. "Überspitzt gesagt, will ein gelegentlicher Wochenendfahrer mittleren Alters mit seinen Beiträgen nicht mehr die Risiken eines 18-jährigen Fahranfängers absichern", sagt Horst Berger, Experte für automobile Finanzdienstleistungen, der vom PAYD-Erfolg überzeugt ist.
Doch nicht nur die Anzahl der gefahrenen Kilometer wird bei PAYD von den Versicherungen ins Kalkül gezogen. Von Interesse ist auch, ob der Autofahrer vorwiegend in der unfallträchtigen Rushhour unterwegs ist und ob er die gefährlicheren Landstraßen statt der Autobahnen nutzt. Meidet der Fahrzeuglenker solche Risiken, spart er zusätzlich.
Fahrer, die sich für dieses System entscheiden, erhalten eine Telematikbox, die ins Fahrzeug eingebaut wird. Sie enthält ein Modul, das während der Fahrt die empfangenen GPS-Signale aufzeichnet. Diese liefern Informationen über die Position, Fahrtrichtung und Geschwindigkeit mit Datum und Uhrzeit. Die Telematikbox sendet die Daten an das Rechenzentrum der Versicherung oder das eines Systemproviders. Dort werden die Daten mit dem Straßennetz einer digitalen Karte abgeglichen, sodass sich die gefahrene Strecke rekonstruieren lässt. Abschließend wird der individuelle Versicherungspreis berechnet.
Als erster Kfz-Versicherer hat 2005 der britische Marktführer Norwich Union PAYD eingeführt. In Dänemark testeten Fahranfänger drei Jahre lang ein System, das nicht nur Fahrten aufzeichnete, sondern auch einen Tempowarner enthielt. Bei Überschreitung der zulässigen Geschwindigkeit alarmierte es den Fahrer per Warnton. Das Unfallrisiko der rund 300 Testfahrer sank um 25 Prozent.
Auch in den Ländern Italien, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und in Deutschland werden Modelle erprobt. So hat die deutsche WGV-Versicherung zu PAYD ein Pilotprojekt gestartet, an dem 1500 jugendliche Fahranfänger teilnehmen.
Durch die für PAYD notwendige Telematikausstattung der Fahrzeuge können die Versicherungen ihren Kunden zusätzliche Dienstleistungen anbieten. Dazu gehören ein automatischer Notruf nach Unfall, Diebstahlsicherung und ein Car-Finder zur Lokalisierung eines gestohlenen Fahrzeugs. In den USA sind solche Telematikdienste bereits ein großer Markt.
Stark umstritten ist PAYD jedoch aus Datenschutzgründen. Ein satellitenbasiertes Trackingsystem weckt Befürchtungen der totalen Überwachung. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, sieht die Gefahr, "dass Begehrlichkeiten geweckt und die gesammelten Daten auch für andere Zwecke, etwa zur Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten, verwendet werden könnten".
Beim Test der WGV-Versicherung wurde diese Problematik durch die Trennung von Datenerfassung und -auswertung einerseits und Rechnungsstellung andererseits gelöst. Die anonyme Erfassung und Auswertung der Daten erfolgte durch den Systemprovider T-Systems. Die Versicherung erhielt die Daten nur in ausgewerteter Form - also Angaben zu abstrakten Zeitklassen und zu den gefahrenen Kilometern pro Straßentyp, aber weder konkrete Datumsangaben und Uhrzeiten noch die genaue Route. Die genauen Fahrten erhält nur der Kunde, um die Rechnung überprüfen zu können.
Finanzdienstleistungsexperte Berger ist trotz der Zurückhaltung vieler Versicherer zuversichtlich, dass die Vorbehalte sukzessive ausgeräumt werden und PAYD kommt - "wenn auch eher in fünf als in drei Jahren".