Detroit. Die magische Grenze von zwölf Millionen Neufahrzeugen hat der US-Automobilmarkt 2010 knapp verfehlt. Nach dem Krisenjahr 2009, als mit 10,4 Millionen Einheiten das niedrigste Volumen seit 1970 erreicht wurde, erwarten sämtliche Marktexperten für 2011 ein deutliches Plus. Optimisten wie der Analyst John Murphy von der Bank of America Merrill Lynch rechnen mit einen Neuwagenmarkt von rund 15 Millionen Einheiten – damit wäre das Vorkrisen-Niveau wieder erreicht. George Pipas, Marktbeobachter bei Ford in Detroit, bleibt dagegen vorsichtig: „Wir werden 2011 oberhalb von zwölf Millionen liegen und vermutlich näher an 13 Millionen“, sagt er. David Whiston vom Investmenthaus Morningstar erwartet im Jahr 2011 einen Absatz von 13 Millionen Fahrzeugen. Entscheidend für die Kauflaune der US-Bürger werden die konjunkturellen Eckdaten, die Lage auf dem Arbeitsmarkt, die Entwicklung der Inflation und natürlich die des Dollarkurses sein.
„Die Notenbank Fed pumpt jede Menge Geld in die Binnenwirtschaft, deshalb kann man für 2011 sehr optimistisch sein“, prognostiziert Andreas Gissler, Director Automotive Practice beim Beratungsunternehmen Arthur D. Little in Deutschland. Es sei viel Liquidität im Markt, Gehälter und Boni in den USA seien am steigen, so Gissler. Die Frage sei aber, wie nachhaltig diese Politik der Anreize ist. Kaum zu vermeiden seien wegen der Inflation höhere Preise auch für Autos, was möglicherweise Bremsspuren beim Absatz hinterlassen werde. Er sei aber optimistisch gestimmt, sagt Gissler: „Die Regierung kann sich ein Scheitern ihrer Wirtschaftspolitik nicht leisten und wird alles Notwendige für den Aufschwung tun.“
Wer aber wird in dieser Situation zu den Gewinnern zählen, wer muss mit Marktanteilsverlusten rechnen? Michael Yoshikami, Chefstratege beim Detroiter Vermögensverwalter YCMNET Advisors, sieht Ford, General Motors und Volkswagen auf den besten Startpositionen für ein erfolgreiches Jahr 2011 in Nordamerika. Ford habe ein gutes Management, GM profitiere vom massiven Schuldenabbau im Vorjahr und VW starte mit einer neuen USStrategie mit einem upgegradeten Phaeton und einem downgegradeten Jetta – genau das Richtige für die US-Verbraucher, so Yoshikami.
Berater Gissler von Arthur D. Little stimmt seinem US-Kollegen zu: „Ford mit seiner tollen Produktpalette und GM mit seinem verheißungsvollen Neustart nach der Entschuldung werden sicher Marktanteile hinzugewinnen.“ Zweifel hingegen hegt Gissler beim Krisenkandidaten Chrysler: „Ob Chrysler wirklich von der Allianz mit Fiat profitieren kann, ist ungewiss.“ Für die deutschen Autobauer stehen laut Gissler die Signale auf dem US-Markt auf Wachstum: „Ihr Produktportfolio ist extrem stark.“ Die zweijährige Autokrise habe auf dem US-Markt allerdings für neue Spielregeln gesorgt, ergänzt Yoshikami von YCMNET Advisors.
Ohne spritsparende Technologien sei dort kein neues Auto mehr zu verkaufen. Auch für reine Elektroautos und Hybridfahrzeuge sei eine neue Zeitrechnung angebrochen: „Wenn die US-Verbraucher erst mal die aktuellen Konsumanreize verdaut haben, dann werden sie schnell wieder zu sparsameren Fahrzeugen greifen.“ Sparsam müsse dabei aber nicht zwingend kleiner heißen, fügt Berater Gissler hinzu. Das zeige auch der Erfolg der bereits totgesagten SUVs in den USA. Das ändere jedoch nichts daran, dass in Zukunft in Europa entwickelte Kleinwagen verstärkt nach Nordamerika kommen werden.