München. Mazda bietet eine Probefahrt mit dem Concept-Car Hakaze über eine ausgeklügelte Teststrecke an. Nissan verschenkt großzügig Gutscheine. Formel-1-Fans dürfen die Boxengasse von Renault besuchen. Männerträume werden wahr - allerdings nur in der virtuellen Welt.
Immer mehr Autohersteller tummeln sich auf der Internet-Plattform "Second Life".
Sie alle wollen möglichst viele Avatare (die Figuren, über die die Nutzer am Spiel teilnehmen) zu ihren Marken locken. Weltweit sind inzwischen 7,8 Millionen Menschen bei
Second Life registriert. Doch wie viele davon die Angebote der künstlichen Parallelwelt nutzen, ist umstritten.
Bislang gibt es weder Erkenntnisse, ob und wie viele Linden-Dollars (die virtuelle Währung) für Second-Life-Autos gezahlt wurden, noch werberelevante Fakten über Nutzer. Dennoch halten viele Autobauer Second Life für eine spannende neue Marketingplattform. Andere Unternehmen hingegen wollen die dreidimensionale Welt gar nicht erst betreten.
"Second Life ist ein Marketing-Testfeld für Firmen", meint der Schöpfer der virtuellen Welt, der Physiker Philip Rosedale, der als Chef der Firma Linden Lab hinter den Kulissen arbeitet. Kreativität sei gefragt: "Wer nur Produkte in einem virtuellen Showroom präsentiert, wird recht erfolglos bleiben."
Vorreiter der deutschen Autoindustrie sind BMW und Mercedes. BMW tauchte schon im November 2006 mit einer sogenannten "Insel" auf, um das Thema "Clean Energy" zu kommunizieren. Im März dieses Jahres besiedelten die Münchner eine weitere Insel für "Efficient Dynamics", wo sie ihre technischen Maßnahmen zur Treibstoffreduzierung vorstellen. BMW gehe es nicht darum, "in Second Life Autos zu verkaufen", so ein Sprecher. "Vielmehr erreichen wir Menschen, die wir über andere Kanäle, zum Beispiel über Werbung im Fernsehen oder in Zeitungen, immer seltener erreichen."
Mercedes will "die Faszination der Marke und ihrer Produkte auch in dieser virtuellen Welt erlebbar machen", sagt Olaf Göttgens, Leiter Markenkommunikation Mercedes-Benz Pkw. Im Februar dieses Jahres starteten die Stuttgarter mit einer Repräsentanz. "Seit der Eröffnung haben bereits mehrere Zehntausend Avatare unsere Insel besucht", berichtet ein Mercedes-Sprecher. "Unser Auftritt gehört damit zu den am meisten frequentierten Unternehmensauftritten in Second Life." Auch BMW zählt täglich 250 Besucher auf seinen beiden Inseln.
Konkurrent Audi bleibt skeptisch: "Die User-Zahlen können wir nicht ganz nachvollziehen. Einige Analysen belegen, dass die Zahl der regelmäßigen Nutzer eklatant unter der der registrierten User liegt", moniert Alexander Urban, Leiter Interaktives Marketing bei Audi. "Ob sich unsere Zielgruppen tatsächlich in Second Life bewegen, kann derzeit nicht belegt werden."
In der Tat agierten im Mai von rund sieben Millionen registrierten Nutzern nur 507.884 tatsächlich in der neuen Welt. Urban bemängelt nicht nur die geringen Besucherzahlen: "In der jüngeren Vergangenheit häuften sich negative Schlagzeilen über die Inhalte von Second Life." So war das virtuelle Paradies in die Kritik geraten, ein Umschlagplatz für Kinderpornografie zu sein.
VW, Porsche und Ford war die "zweite Welt" von Anfang an suspekt. Die Marketingchefs von Porsche und Ford sehen keinen Nutzwert, bei Volkswagen analysiert man die Welt "hinsichtlich einer möglichen späteren Eignung als Kommunikationsplattform".
Hingegen sagt die Nürnberger Marktforschung Puls der Internet-Welt als Forum eine große Zukunft voraus: "Second Life wird die Informations- und Kaufentscheidungsprozesse insbesondere für langlebige Produkte wie Automobile verändern", so Puls-Chef Konrad Weßner. Puls fragte 2000 Autokäufer, ob sie mit dem Begriff Second Life etwas anfangen können: 30 Prozent kannten den Namen, 12,1 Prozent davon besuchen die Plattform - vor allem BMW- und Mercedes-Kunden.