Chennai/Delhi. Bevor die Zeremonie beginnt, zieht sich Norbert Reithofer die Schuhe aus. Das ist so üblich in Indien - ein Reinlichkeitsgebot. In schwarzen Socken steht der BMW-Vorstandschef vor einem reichlich mit Blüten und Früchten gedeckten Tisch. Rechts von ihm stimmt ein indischer Mitarbeiter einen Sprechgesang an. Reithofer entzündet eine Öllampe. Er nimmt teil an einem hinduistischen Brauch: Wird ein neues Gebäude eingeweiht, wird der Elefantengott Ganesha angerufen. Er soll mögliche Hindernisse beseitigen.
Mit dem Segen des Elefantengottes
BMW kann himmlischen Beistand gut gebrauchen: Die Bayern sind zwar die weltweit größte Premiummarke. Doch in Indien, dem aufstrebenden Subkontinent, ist BMW schwer ins Hintertreffen geraten: Erzrivale Mercedes, bereits seit 1994 mit einer eigenen Pkw-Produktion in Indien aktiv, verkauft dort achtmal so viele Autos .
Jetzt hat BMW reagiert: Innerhalb eines Jahres hat Reithofers Team 40 Kilometer nordwestlich der Stadt Chennai (dem früheren Madras) im Südwesten Indiens ein Montagewerk gebaut. Die offizielle Einweihung ist nicht nur für Reithofer und die 120 neuen Mitarbeiter ein wichtiger Tag: Muthuvel Karunanidhi, Ministerpräsident des Bundesstaates Tamil Nadu, reiste persönlich an, begleitet von einer 20 Limousinen starken Eskorte. Innen, in der Werkshalle, führt eine populäre indische TV-Moderatorin durch das Eröffnungsprogramm.
Schon zuvor war der Andrang bei BMW groß: Auf eine einzige Stellenausschreibung hatten sich 25.000 Einheimische beworben. Knapp 90 Prozent der Auserwählten arbeiteten bereits in der Autoindustrie: Viele waren zuvor bei Ford, Hyundai oder Mitsubishi beschäftigt - Unternehmen, die ihren Sitz in Chennai haben. Dass sich bereits Hersteller und Zulieferer dort angesiedelt hatten, war für BMW ein Grund, ebenfalls diesen Standort zu wählen.
Die neuen BMW-Mitarbeiter hat nicht nur das gute Image der Marke, sondern auch die Bezahlung gelockt: Sie erhalten einen Monatslohn von 20.800 Rupien (350 Euro) - ein für indische Branchenverhältnisse überdurchschnittlich hohes Gehalt.
Der bayerische Konzern schafft in Indien neue Arbeitsplätze - wenn auch verglichen mit Deutschland im kleinen Stil: Geplant sind insgesamt 200 Mitarbeiter im Werk und in der Vertriebsorganisation in Delhi. "Zusätzlich gehen wir von einem Beschäftigungseffekt von etwa 600 Arbeitsplätzen in unserem Händler- und Service-Netzwerk aus", verkündet Reithofer.
Doch die günstigen Arbeitskosten sind keineswegs der Anlass, warum der bayerische Premiumhersteller hier ein Montagewerk eröffnet, versichert der BMW-Chef. Er ist aus einem anderen Grund vor Ort: Reithofer will frühzeitig ein Land erschließen, das sich neben China langfristig zum Wachstumsmarkt schlechthin entwickeln wird. Fachleute prognostizieren, dass der Absatz in Indien bereits bis 2015 von jetzt 1,2 Millionen auf mehr als 2,2 Millionen Fahrzeuge steigen wird. "Für die von uns bedienten Premiumsegmente wird in diesem Zeitraum sogar eine Verdoppelung des Marktvolumens erwartet", freut sich der BMW-Chef.
Er geht allerdings von einem niedrigen Niveau aus. Im vergangenen Jahr verkaufte BMW in Indien gerade einmal 257 Autos, 2005 waren es 227. Ein Grund: Die Autos sind dort extrem teuer. Aufgrund hoher Einfuhrzölle (60 Prozent auf Fahrzeuge, zehn Prozent auf Teile) und zusätzlicher Gebühren kostet ein importierter Wagen rund das Doppelte des Preises, der in Deutschland verlangt wird.
Indien gilt wie China als Markt mit immensen Wachstumschancen. Das Land zählt 1,1 Milliarden Einwohner, verzeichnete im vergangenen Jahr aber nur 1,3 Millionen Pkw-Neuzulassungen.
Bisher können sich die meisten Käufer nur Billigfahrzeuge der einheimischen Hersteller Tata, Mahindra und Suzuki-Maruti leisten. Deshalb bleibt der Premiumhersteller BMW zunächst bescheiden: Lediglich 1000 Autos will Reithofer in diesem Jahr in Chennai bauen lassen. Zurzeit laufen dort täglich maximal vier Autos vom Band. Die Kapazität des Werks ist auf 1700 Einheiten begrenzt - vorerst. BMW hat sich das Vorkaufsrecht auf weitere 255.000 Quadratmeter im Industriepark Mahindra World City in Chennai gesichert.
"Insgesamt belaufen sich unsere Investitionen in Delhi und Chennai auf bisher 20 Millionen Euro", so Reithofer. In Delhi hat BMW bereits zu Beginn des Jahres eine Vertriebsorganisation gegründet. Von dort aus baut Peter Kronschnabl, Chef von BMW Indien, ein Händlernetz auf. Zwar sind die Bayern schon seit zehn Jahren auf dem Subkontinent aktiv, doch hat der Hersteller dort bislang nur vier Vertriebspartner. Bis Ende des Jahres will Kronschnabl fünf neue Verkaufsstandorte einrichten. Kronschnabl: "2009 sollen es zwölf sein." Er geht davon aus, dass das Luxussegment kräftig wachsen wird - von 3365 Autos 2006 auf 10.500 im Jahr 2013. Wenn es sich Elefantengott Ganesha nicht anders überlegt.