München. Rund 200 Unternehmen zählten vor 100 Jahren zu den Lieferanten der ersten Stunde. "Heute sind es in der Serie knapp 1000 und außerhalb der Fahrzeugproduktion ungefähr 3500“, sagt Audi-Vorstand Ulf Berkenhagen, der den Geschäftsbereich Einkauf verantwortet. Viele der damaligen Zulieferer zählen auch heute noch zu den Audi-Partnern. "In der Geschichte hat es immer wieder Phasen der Konsolidierung gegeben, aber die Pioniermarken der Automobilindustrie sind häufig erhalten geblieben. Ich denke vor allem an Unternehmen wie Bosch, Continental und Hella. Kurze Zeit später kamen schon Unternehmen hinzu wie Mahle oder Mann+Hummel.“ Selbstverständlich hat sich die Zuliefererstruktur im Laufe der Jahre verändert. Große Umwälzungen brachte die Entwicklung des gesamten Bereichs Elektrik/Elektronik. Und natürlich ist die Internationalisierung nicht nur der Automobilindustrie eine treibende Kraft des Wandels. Berkenhagen: "Die ersten Zulieferbetriebe befanden sich in Zwickau und Umgebung, und nur einige wenige waren weiter entfernt. Heute finden Sie unsere Partner auf der ganzen Welt.“
In der Entwicklungspartnerschaft zwischen Hersteller und Lieferanten wurden zu Beginn nur Teile eingekauft. "Zunächst in Umfängen, die wir heute als Manufakturproduktion bezeichnen würden, später in großen Mengen unter der Maßgabe der Reproduzierbarkeit.“ Die große Innovationskraft der gesamten Branche und die immer kürzer werdenden Entwicklungszyklen haben es laut Berkenhagen "aber schon sehr früh notwendig gemacht, bei der Entwicklung zu kooperieren“. Und weiter: "Gerade in der heutigen Zeit sind nur solche Partnerschaften von Dauer, die gemeinsam ihre Entwicklungskompetenz in die Projekte einbringen.“ "Die Anfänge unserer Geschäftsbeziehung reichen bis in die 60er- Jahre zurück“, heißt es etwa bei Boysen. Damals lieferte das Unternehmen Rohre und Schalldämpfer für verschiedene Modelle des NSU Prinz. "Die Partnerschaft mit Audi hatte wesentlichen Anteil am Wachstum der Boysen-Gruppe“, so Geschäftsführer Rolf Geisel. Generelle Trends wie immer höhere technische Anforderungen oder steigender Zeit- und Kostendruck haben zu einer Verfestigung der Kontakte auf den unterschiedlichsten Ebenen und in Summe zu einer Intensivierung der Geschäftsbeziehung geführt. "Inzwischen wissen wir bei Boysen sehr genau, wie der Kunde ,tickt‘ und was er will. Und umgekehrt weiß Audi, was Boysen zu leisten imstande ist – aus unserer Sicht als Systempartner eine ausgezeichnete Basis für die künftige Zusammenarbeit“, heißt es beim Zulieferer.
Die Schaeffler-Marke FAG, die auf eine über 125-jährige Geschichte zurückblicken kann, gehörte schon vor 100 Jahren, als das Kapitel "Vorsprung durch Technik“ seinen Anfang nahm, zu den Lieferanten von Audi. Unter der Vielzahl der seit damals gelieferten Teile und Komponenten hebt Schaeffler auch das sogenannte Anti-Wummer-Lager hervor. Mit dem eigens für den Audi V8 entwickelten Wälzlager wurde man den gestiegenen Komfortbedürfnissen an Fahrzeuge der automobilen Oberklasse gerecht. "Einen Meilenstein haben wir mit dem von Schaeffler patentierten Generatorfreilauf geschaffen. Dieses Bauteil ermöglichte die Produktion der leistungsstarken Diesel-Direkt-einspritzer, die seit 20 Jahren unter dem Kürzel TDI einen weltweiten Siegeszug feiern können.“ Bei Webasto hat die Zusammenarbeit mit dem Autohersteller vor mehr als 30 Jahren im Bereich Dachsysteme begonnen. "Zunächst wurden Komponenten wie E-Antrieb- Windabweiser und Himmelrahmen – heute besser bekannt unter Schiebehimmel – geliefert. Und zwar für die Modelle Audi 80 und 100“, erläutert Webasto-Vorstandschef Franz- Josef Kortüm. "Darüber hinaus war das Audi 80 Coupé vor genau 20 Jahren auch das erste Fahrzeug, das mit einem Solarschiebedach angeboten wurde.“
Bei den Ingolstädtern ist damit – weit vor dem aktuellen Trend hin zu Solartechnologie-Anwendungen – die erste Solaranwendung im Automobilbereich in Serie gegangen. 2008 ist mit dem Panoramadach für den A4 Avant das zurzeit jüngste Webasto-Produkt für Audi auf den Markt gekommen. "Als einer der ersten Hersteller hat Audi ausgewählte Zulieferer auch in die Markteinführung eingebunden. So begleitet Webasto bereits seit vielen Jahren Produkteinführungen bei den Händlern“, betont Kortüm. 2008 etwa wurde das neue Panoramadach beim "Regional Sales Training“ in zehn deutschen Städten über 5000 Händlern ausführlich vorgestellt. Bei ZF geht die Zusammenarbeit bis in die 30er-Jahre zurück. So wurdden von den Friedrichshafenern die Marken Horch, Auto Union DKW, Wanderer und NSU beliefert. Die Auto Union wurde ab 1933 etwa mit sogenannten ZF-Ross-Lenkungen ausgestattet, und 1934 steuerte ZF im Motorsport die Kupplung für den Auto Union Typ C (16-Zylinder) bei. "Heute stattet ZF Audi unter anderem mit Elektrolenkungen, Automatikgetrieben, Achsantrieben, Shift-by-Wire-Schaltungssystemen, Kupplungen, Zweimassenschwungrädern, Fahrwerkkomponenten und Hybridsystemen aus“, erläutert Wolf-Ekkehard Krieg, ZF Group Customer Director.
Für Brose war im Jahr 1987 die Ausstattung des Audi 80 Coupé mit den ersten Türsystemen ein wichtiger Meilenstein in der Zusammenarbeit. "Damit übernahmen wir nicht nur die Entwicklung und Produktion der wichtigsten Türkomponenten. Wir integrierten diese zu einem Gesamtsystem und lieferten die Erzeugnisse vorgeprüft und einbaufertig an das Montageband des Automobilherstellers“, heißt es bei den Coburgern. Heute finden sich Brose-Produkte in nahezu allen Audi-Modellen. Für Behr begann der Einstieg bei Audi 1995 mit dem Klimagerät für den A4. "Wobei das Klimagerät im Rahmen der Plattformstrategie über VW zu Audi gekommen ist“, erinnert sich Thomas Wetzel, Leiter Kundencenter VW-Gruppe. "Die ersten großen Projekte, die direkt von Audi in Auftrag gegeben wurden, waren das Klimagerät, der mechanisch gefügte Kühlmittelkühler und der Ladeluftkühler für die heutigen Modelle A4 und A5.“ Laut Wetzel hat sich die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren intensiviert. "Wir arbeiten inzwischen beispielsweise bereits in der Vorentwicklungsphase mit Audi zusammen und stimmen uns auch frühzeitig über Lastenhefte ab.“ Die Dräxlmaier Group startete mit Motorleitungssätzen für den Audi 80 (B3) vor über 25 Jahren die Kundebeziehung zu den Ingolstädtern.
Heute reichen die Umfänge von Bordnetzsystemen über Interieurumfänge bis hin zu Instrumententafeln für den A8-Nachfolger. Zudem finden sich Elektrik- und Elektronikkomponenten in allen Audi-Baureihen wieder. Im Zuge der zunehmenden Variantenzahl und immer kürzer werdender Entwicklungszyklen sind die Anforderungen an eine eng verzahnte Zusammenarbeit zwischen Audi und dem Zulieferer stetig gewachsen. "Wir begrüßen diese Entwicklung ausdrücklich, bietet sie uns doch die Möglichkeit, bereits sehr früh eigene Ideen einzubringen und Audi mit Innovationen zu begeistern“, heißt es bei den Bayern. "Wir schätzen die gute Partnerschaft mit Audi, die es uns ermöglicht, selbst innovative Komponenten und Systeme auf den Markt zu bringen“, bemerkt Heinrich Baumann, Geschäftsführender Gesellschafter der Eberspächer Holding. Die Firmengruppe beliefert den Autobauer mit Abgasanlagen, Standheizungen, elektrischen Zuheizern und Leistungselektronik. Zulieferer Freudenberg ist bereits seit dem Audi F103 Partner für Dichtungen. "Und wir haben auch den Audi-Vorgänger Auto Union (DKW) mit Simmerringen und Spezialdichtungen beliefert“, gibt man bei Freudenberg Auskunft. Heute unterstützt das Unternehmen etwa die Downsizing-Konzepte von Audi und hilft so mit seinen Dichtungen, Verbrauch und Emissionen zu verringer. "Audi hat den Mut, in neue Technologien zu investieren und damit die Branche zu prägen. Das bringt uns als Lieferanten weiter“, lobt das Unternehmen.
Bei Continental betont man, dass Audi in den vergangenen Jahren umfangreiche Innovationen in den Markt eingeführt hat. "Dies war aus unserer Sicht ein entscheidender Faktor für die Erfolgsgeschichte und das stetige Wachstum. Aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit mit uns als Technologie- und Innovationspartner ebenfalls noch intensiver geworden. Die Anforderungen bezüglich technischer Kompetenz und Qualitätsdenken der Lieferanten haben fortwährend zugenommen.“ Eine Produktentwicklung, die man bei Conti eng mit Audi verbindet, ist der 1972 im Audi 80 erstmals verbaute Schwimmrahmensattel. Der Audi 80 war das erste Auto, das beim Bremsen durch den negativen Lenkrollradius nach Ostwald-Patent besonders stabil in der Spur blieb. "Heute beliefern alle drei Divisionen der Continental Automotive Group Audi mit Produkten aus unserer gesamten Produktpalette.“ Johnson Controls begann die Zusammenarbeit mit Audi mit der Entwicklung und Produktion von Gummihaarpolstern. Kurz danach kamen Säulenverkleidungen, Dachhimmel und Instrumententafeln hinzu. Derzeit liefert der US-Zulieferer für nahezu alle Audi-Modelle den integrierten Garagentoröffner HomeLink. Faurecia hat sich in der Beziehung zu Audi im Laufe der Jahre vom Teileproduzenten zum Systempartner entwickelt. Die Franzosen beliefern den Autohersteller heute mit Komplettsitzen, Metallstrukturen, Sitzbezügen, Kopfstützen, Instrumententafeln, Frontendmodulen, Türverkleidungen, Abgasanlagen und Cockpits. Zudem wird mittlerweile auch in der Entwicklung eng zusammengearbeitet, erläutert Thorsten Muschal, Geschäftsführer von Faurecia Automotive.
Schon in den ersten Audi- Nachkriegsmodellen wurden Metall- Weichstoff-Zylinderkopfdichtungen von ElringKlinger in den ausschließlich wassergekühlten Mitteldruckmotoren von Audi eingesetzt. Heute ist die Gruppe Entwicklungspartner und Serienlieferant für Zylinderkopfdichtungen, Spezialdichtungen, Kunststoff-Gehäusemodule und Abschirmteile für Motor, Getriebe und Abgasstrang. "Der Anspruch von Audi, in der Technik immer vorne zu sein, bringt auch ElringKlinger voran“, betont man beim Zulieferer. "Audi war der erste Hersteller, der uns ermutigte, einen integrierten Grafik-Prozessor für die Instrumentierung zu entwickeln“, erläutert Roland Schimmelbauer, Vice President Sales & Marketing von Toshiba Electronics Europe. Daraus entstand bei dem Zulieferer die Capricorn-Produktfamilie für verschiedenste Grafikanforderungen. "Der Durchbruch allerdings gelang uns mit den Highlines der aktuellen Baureihen des A4 und A6, mit unseren Farbdisplays im Armaturenbrett sowie im Kombiinstrument, welches von unserem Capricorn- 2 angesteuert wird.“ Im Archiv des Zulieferers Automotive Lighting, 1999 als Joint Venture zwischen Robert Bosch K2 Lichttechnik und Magneti Marelli gegründet, gehen die Aufzeichnungen bis 1935 zurück.
Damals lieferte Robert Bosch K2 Lichttechnik die mit Bilux-Lampen ausgestatteten Scheinwerfer für Modelle der Marken Horch und Wanderer. Zum Lieferumfang von Automotive Lighting, das seit 2003 zu 100 Prozent z u Magneti Marelli gehört, zählen auch Scheinwerfer und Rückleuchten. Für den Zulieferer nimmt Audi hier "eine Vorreiterrolle“ ein. Durch den Abschied von Keiper Recaro aus dem Just-in-time-Geschäft Ende der 90er-Jahre ist Keiper als Tier-2-Zulieferer heute bei Audi via Volkswagen vor allem mit plattformübergreifenden Sitzkomponenten vertreten. Als Highlights auf der Produktseite hebt man bei Keiper unter anderem den ersten Gurtintegralsitz hervor, entwickelt und produziert für das Audi Cabriolet. Was Audi von seinen Lieferanten erwartet, formuliert Vorstand Berkenhagen so: "Vorsprung durch Technik markiert den Beginn für Audi als Premiummarke und beschreibt auch sehr präzise, was wir von unseren Lieferanten erwarten. Wir stellen höchste Anforderungen an unsere Partner in Sachen Qualität, Liefertreue, Volumen und Innovation. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.“ Bei ElringKlinger lobt man den "innovativen Ansatz“ des Autobauers. "Bei Audi steht der technische Vorsprung immer an erster Stelle. Die gemeinsame Zielsetzung ist es, beide Unternehmen optimal in der Branche zu positionieren.“
Zudem fördere der Hersteller auch im Einkaufsverhalten neue Ideen und Ansätze der Entwicklungspartner, die kontinuierlich zur Steigerung der Effizienz beitragen. "Audi ist Treiber und Vorreiter“, heißt es auch bei Automotive Lighting. Und Toshiba-Manager Schimmelbauer bewertet positiv, dass "Audi eine Mannschaft von sehr kompetenten Entwicklern hat, die die Funktionsweise unserer Komponenten bis in die Tiefe verstehen.“ Webasto-Chef Kortüm erläutert die Zusammenarbeit mit Audi: "Nach erfolgter Auftragsvergabe unterstützen die jeweiligen Teams bei Audi die Projekte, um sie gemeinschaftlich zum Erfolg zu bringen. Bei allen Ansprechpartnern – bis hinein in den Vorstand – stehen dabei immer die anspruchsvollen technischen Lösungen, die Maßstäbe in der Industrie setzen, im Vordergrund.“ "Audi fordert permanente Kostenoptimierung und fordert hierbei sich selbst und die Lieferanten äußerst stark. Dieser Herausforderung stellen wir uns, denn sie bringt auch uns weiter“, heißt es beim Zulieferer Honsel, der Fahrwerk- und Strukturteile, Zylinderköpfe und Ölwannen für die Ingolstädter liefert.
Als Systempartner für Abgastechnik sieht sich Boysen in besonderem Maße darauf angewiesen, "dass ein Kunde erstens Vertrauen hat in die besondere Kompetenz von Boysen, zweitens den Mut hat, mit Boysen gemeinsam Neuland zu betreten, drittens bereit ist, uns auch die nötige Freiheit zuzugestehen, neue Wege zu gehen, und viertens einsieht, dass individuelle Problemlösungen nicht zum Nulltarif zu haben sind.“