München. Beda Bolzenius, Automotive-Chef von Johnson Controls und seit einigen Monaten für die Gesamtaktivitäten des Konzerns im Raum Asien-Pazifik zuständig, sieht eine weitere Konsolidierung vor allem bei „vielen kleineren Unternehmen“. Die Amerikaner, die vor einigen Jahren die deutschen Sitze-Spezialisten Keiper und C. Rob. Hammerstein gekauft hatten, wollen sich ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. „Und das ist der Sitz“, bekräftigt Bolzenius. Robert Schulhauser, Automobilexperte bei der Unternehmensberatung Graf Lambsdorff& Compagnie, erwartet, dass sich der Konsolidierungsprozess „wahrscheinlich sogar noch intensivieren“ wird. Während das Pkw-Sitzesegment schon wirtschaftlich verdichtet ist und die drei größten Anbieter etwa 60 Prozent des Gesamtmarkts unter sich aufteilen, vereinen die drei größten Zulieferer von Innenausstattungen, trotz der zuletzt vollzogenen Bewegung an der Branchenspitze, „noch nicht einmal ein Viertel der Marktanteile“, so Schulhauser. Tendenziell wollten die umsatzstärksten Interieuranbieter ihr Produktportfolio optimieren. Das könne eine Fokussierung auf das Innenraumgeschäft oder auch eine Veräußerung von operativen Einheiten bedeuten. Beispiele dafür sind die Verkäufe von Magna an Grupo Antolin sowie der Visteon-Interieursparte an die Beteiligungsgesellschaft Cerberus im Jahr 2014. Des Weiteren sieht Schulhauser einen Konsolidierungstrend bei mittelgroßen Zulieferern: „Insbesondere in Europa und Deutschland sind derartige Anbieter in hoher Anzahl zu finden.“ Er erwartet hier ein starkes Interesse strategischer Investoren aus Nordamerika, aber auch Asien. Das Marktvolumen im Bereich Automotive-Interieurkomponenten im Jahr 2014 taxieren die Wiesbadener auf rund 85 Milliarden Euro. Nicht darin enthalten sind Umsätze mit Sitz-, Elektronik-, Dämm- und Akustikkomponenten sowie Komplettsitzen. Für 2020 prognostiziert Schulhauser ein Volumen von 93 bis 94 Milliarden Euro. Am profitabelsten sind dabei Zulieferer, die die kritische Unternehmensgröße im Interieursegment von rund 200 bis 400 Millionen Euro erreichen „und zugleich bereits eine umfassende Internationalisierung ihrer operativen Ausrichtung vollzogen haben“, erläutert Schulhauser. Bei der Rendite hinkt das Interieursegment der Automobilzulieferindustrie in seiner Gesamtheit allerdings deutlich hinterher. Das durchschnittliche Margenniveau der Anbieter in Subsegmenten wie Cockpit/Instrumententafel, Blenden/Verkleidungen und Sitze/ Sitzsysteme liegt bei 4,7 Prozent (EBIT), der Branchendurchschnitt hingegen bei 7,5 Prozent. Bei fortschreitender Konsolidierung erwartet der Experte aber eine Entspannung der Renditesituation. Auch heute schon gibt es Interieurzulieferer, die eine Rendite von annähernd zehn Prozent erreichen. Für Marcus Nyman, Vertriebsvorstand des US-Zulieferers IAC in Europa, steht jedenfalls fest, dass die Fahrzeuginnenausstattung bei der Kaufentscheidung der Autofahrer an Bedeutung gewinnt. Einen Trend sieht er etwa „in der Integration von ambienten Lichtlösungen im Fahrzeuginnenraum“. Und Han Hendriks, weltweit verantwortlich für Innovationen im Interieurbereich von Johnson Controls, erwartet eine steigende Nachfrage nach Leichtbaukomponenten. Das Unternehmen beschäftige sich zudem mit „selbstreinigenden Oberflächen im Interieur“ für Anbieter von Carsharing.
Branchenexperten
Investoren beim Interieur in Lauerstellung
Im April haben zwei Ereignisse in der Interieurbranche für Aufsehen gesorgt. Doch die Gründung des Joint Ventures durch den US-Zulieferer Johnson Controls und das zum chinesischen SAIC-Konzern gehörende Unternehmen Yanfeng Automotive Trim Systems sowie der Verkauf des Magna-Interieurgeschäftsbereichs an den spanischen Zulieferer Grupo Antolin dürften nicht die letzten Konsolidierungen in diesem Segment gewesen sein.