München. Der Hype ums Elektroauto ist kaum noch zu steigern: Die Stromversorger eröffnen reihenweise Tankstellen, Manager lassen sich mit Strom-Autos ablichten, Politiker überschlagen sich mit Subventions- und Förderversprechen. In München wurde vergangene Woche sogar die erste Messe für Elektromobilität veranstaltet, die eCarTec. Jeder Autohersteller, der etwas auf sich hält, hat mindestens eine kleine Versuchsflotte von E-Autos im Rennen um die öffentliche Meinung. Denn das E-Mobil gilt als umweltfreundliche Zukunftstechnologie.
Gegen den Strom
Was nur hinter vorgehaltener Hand gesagt wird: Es ist eine ferne Zukunft. Und der Weg dorthin wird nicht billig. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman investieren die Hersteller dafür bereits etwa ein Drittel der weltweiten Entwicklungsgelder von 75 Milliarden Euro. Doch weil die Budgets begrenzt sind, läuft die Entwicklung alternativer Antriebe bei manchem Autohersteller zulasten der Verbesserung des Verbrennungsmotors: Während die Entwicklungsbudgets von 2008 bis 2009 um zehn bis 20 Prozent gekürzt wurden, sind laut einer Studie von A.T. Kearney die Investitionen in alternative Antriebe gleich geblieben oder gestiegen.
Ein Zulieferer aus dem Bereich Antriebsstrang bestätigt diesen Trend: "Bei einigen deutschen Herstellern fehlen die Mittel für echte Innovationen, weil die knappen Ressourcen für den Verbrennungsmotor weiter reduziert wurden.“ ElringKlinger-Chef Stefan Wolf sieht allerdings keine Vernachlässigung konventioneller Antriebe: "Die Autohersteller arbeiten im Zuge der CO2-Reduzierung intensiv und erfolgreich an der weiteren Optimierung des Verbrennungsmotors. Was sie aber ausbauen könnten, ist die Kommunikation zu diesem Thema.“ Für einen Bereichsleiter Technische Entwicklung bei einem anderen Zulieferer aus dem Bereich Antriebsstrang "müssen die Autohersteller den Spagat schaffen zwischen der Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors und neuen Wegen bei alternativen Antrieben“.
Getrieben werden die Autohersteller durch ein verändertes Marktumfeld und die Medien. "Sollten die Unternehmen aus Asien in Sachen Elektrotechnik die Nase vorn haben, werden sich die europäischen Hersteller seitens der Medien noch ganz andere Vorwürfe anhören müssen“, so der Manager. Seinerzeit waren die deutschen Autobauer kritisiert worden, weil die französische PSA-Gruppe mit dem Dieselpartikelfilter vorgeprescht war. Der Weg vom Imageträger zum Produkt für den Massenmarkt ist für das Elektroauto aber noch weit: Laut Oliver Wyman werden 2009 weltweit weniger als 10.000 rein batteriegetriebene Pkw zugelassen. 2010 fahren dann zwei Prozent der Neufahrzeuge elektrisch unterstützt (Hybrid) oder rein elektrisch. Bis 2025 steigt deren Marktanteil auf 16 Prozent. Reine Elektroautos kommen bis 2025 weltweit auf einen Marktanteil von drei Prozent.
Und das Image des Elektroautos als Saubermann bekommt Kratzer. Zwar fahren solche Fahrzeuge ohne Abgase, doch ein Blick auf die gesamte Umweltbilanz trübt das Bild. "Würde man heute sein Elektroauto nachts aufladen, hätte man ein Atomauto. Denn Kernenergie hat gerade dann einen bedeutenden Anteil an der Stromerzeugung“, sagte kürzlich Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts, in einem "Spiegel“-Interview. Und tagsüber lädt man mit Kohle-Strom. Folge: Ein Elektroauto erzeugt derzeit mehr CO2 als ein sparsamer Diesel, hat Greenpeace ausgerechnet. Auch der hohe Preis steht den Stromern noch im Weg. Eine Beispielrechnung von Oliver Wyman für ein Elektroauto der Golf- Klasse zeigt, dass trotz eines am Markt zu erzielenden Preisaufschlags von 3000 Euro ein Autohersteller heute circa 12.000 Euro an einem solchen Fahrzeug verlieren würde. "Für die nächsten zehn Jahre bleibt das Elektrofahrzeug in Summe über die gesamte Wertschöpfungskette in der Verlustzone“, so Oliver Wyman-Automobilexperte Jan Dannenberg.
Nur wenn der Staat Kauf und Betrieb von Elektroautos massiv fördert, gibt es dafür einen Markt. So wird Großbritannien den Kauf solcher Vehikel ab 2011 mit 2500 bis 6000 Euro unterstützen, China mit etwa 6500 Euro, Japan mit bis zu 11.000 Euro. Dannenbergs Kollege Christian Kleinhans fordert hierzulande eine Prämie von bis zu 10.000 Euro beim Kauf eines Elektroautos: "Wir sprechen von einer Fördersumme in Höhe von 15 Milliarden Euro, verteilt auf die nächsten zehn Jahre.“ Doch das Geld steht in Deutschland nicht bereit. Zwar sollen nach dem Willen der Bundesregierung bis 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen fahren, für die Elektromobilität stehen aber nur 700 Millionen Euro zur Verfügung. 700 Euro pro Auto – allein die Batterien des Elektro-Mini kosten 20.000 Euro.