Friedrichshafen. 12,4 Milliarden Dollar lässt sich ZF den Kauf kosten. Mit dem Erwerb des Anbieters von aktiven und passiven Sicherheits- sowie Fahrerassistenzsystemen greift der deutsche Antriebs- und Fahrwerkspezialist nach den Sternen. Denn in der Addition der Umsätze in der Erstausrüstung entsteht so der nach Bosch zweitgrößte Zulieferer weltweit. Der neue Gigant am Zulieferer- Himmel wird etwa 138.000 Mitarbeiter beschäftigen und auf einen Umsatz von rund 30 Milliarden Euro kommen. Damit ist Sommer seinem Ziel, ZF bis zum Jahr 2015 auf eine Umsatzgröße von 40 Milliarden Euro zu bringen, einen großen Schritt näher gekommen. Doch um die schiere Größe ist es den ZF-Strategen bei dem spektakulären Coup nicht gegangen. Neben der technologischen Expertise von TRW ist Sommer an der starken Präsenz des Unternehmens in Nordamerika und Asien interessiert. Mit dem Zukauf kann ZF seine Umsätze in China und in den USA mehr als verdoppeln. Und TRWs Know-how bei Fahrerassistenz- und Sicherheitssystemen bringt ZF einen deutlichen Schritt weiter auf dem Weg zu einem Lieblingsthema von Sommer: dem autonomen Fahren. „Unsere Analyse hat gezeigt, dass TRW als Gesamtunternehmen in einer idealen Weise komplementär zum Produktportfolio von ZF steht und die bei uns nicht vorhandenen Produktfelder Abdeckt“, so Sommer. Auch Branchenexperten können den Zukauf nachvollziehen: „TRW ist ein logischer Kandidat“, meint beispielsweise Automobil- Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Beide Unternehmen sieht er so gut aufgestellt, dass sie auch bei auftretenden Problemen gut gerüstet sind. Rückendeckung für den Deal gibt es für ZF auch vonseiten der Arbeitnehmervertretung: „Mit unseren eigenen Gutachten haben wir Finanzierbarkeit und Risiken eigenständig bewertet“, so Frank Iwer, Betriebsratschef und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei ZF. Szenarien hätten gezeigt, dass bei anhaltend guter wirtschaftlicher Lage der Kaufpreis in einem überschaubaren Zeitraum bezahlt ist. „Im Stresstest ist mit einem dreijährigen erheblichen Rückgang der Wirtschaft gerechnet worden. In diesem Szenario muss zwar länger an dem Kredit bezahlt werden, das Unternehmen gerät damit aber nicht in Schieflage“, heißt es bei der IG Metall. Allerdings sieht die Gewerkschaft Produktüberschneidungen im Fahrwerkbereich. „Bei einem Umsatzvolumen von rund 300 Millionen Euro im gleichen Produktsegment sehen wir Risiken für ZF-Betriebe.“
Bisher wurden laut ZF noch keine Entscheidungen über Zuständigkeiten in der Geschäftsführung für den TRW-Bereich getroffen. Laut Pieper könnte das spannend werden. Interessant sei auch die Frage, „wie viele TRW-Manager im Unternehmen bleiben – und ob es dann auch die richtigen sind“. Während die TRW-Führung dem Deal bereits zugestimmt hat, stehen die Genehmigung durch den US-Ausschuss für ausländische Investitionen, die kartellrechtliche Freigabe sowie die Zustimmung der TRW-Aktionäre noch aus. Doch ZF rechnet nicht mit größeren Problemen. Die Transaktion soll im ersten Halbjahr 2015 abgeschlossen sein. Einen möglichen Stolperstein dafür hatte der Zulieferer erst vor wenigen Tagen aus dem Weg geräumt: ZF hat seinen 50-Prozent- Anteil am Gemeinschaftsunternehmen ZF Lenksysteme an Partner Bosch abgegeben. Knapp eine Milliarde Euro soll man dafür von den Stuttgartern erhalten haben. Die Friedrichshafener wollten beim TRW-Kauf möglichen kartellrechtlichen Problemen aus dem Weg gehen. Denn auch das US-Unternehmen verfügt über eine starke Lenkungssparte. Aus dem industriellen Umfeld gibt es vor allem kritische Stimmen wegen der kulturellen Unterschiede von ZF und TRW. Auf der einen Seite der börsennotierte, auf schlanke Strukturen getrimmte US-Zulieferer, auf der anderen ein traditionsreiches Stiftungsunternehmen. „Das wird nicht klappen“, so der Chef eines Zulieferers skeptisch. Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive, sieht eine große Herausforderungen darin, „die beiden unterschiedlichen Unternehmens- und Länderkulturen zusammenzuführen: Enttäuschungen werden sich da nicht vermeiden lassen.“ Und weiter: „Es darf kein Angstumfeld entstehen, sonst wird es eine Ellenbogenveranstaltung.“ Wie sich das gemeinsame Produktportfolio von ZF und TRW auswirkt, zeigt sich an der ZF-Aftermarket- Sparte ZF Services. Schon heute decken die Schweinfurter rund 20 Prozent des Bedarfs einer Werkstatt ab. Dieser Wert wird durch die TRW-Übernahme auf über 30 Prozent steigen.