Kaum war der VW-Skandal bekannt, da traten die Beschwichtiger und Verharmloser auf den Plan. Manche Branchenkenner und Börsenanalysten hätten die Vorgänge am liebsten als Kavaliersdelikt abgetan. Sie waren auch ein bisschen erschrocken darüber, wie vehement Volkswagen selbst reagierte. Man hörte sie rufen: Ist es denn wirklich so schlimm? Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? Wird da nicht etwas skandalisiert? Tricksen die anderen nicht genauso? Und wollen die Amerikaner nicht bloß einen deutschen Konzern plattmachen, um den eigenen Herstellern zu helfen? Und überhaupt: Waren die Verfehlungen anderer (amerikanischer) Autohersteller in letzter Zeit nicht viel schlimmer?
Egal wie die Antworten auf die Fragen lauten: Sie können nicht entschuldigen, was VW gemacht hat. Denn hier war es Absicht. Es hatte System. VW hat manipuliert, geschummelt, getrickst, Kunden, Behörden und Öffentlichkeit betrogen. Und das ist nicht wegzudiskutieren. Deswegen ist das ein Totalschaden für VW, und deswegen muss sich vieles ändern im Konzern.
Es braucht einen Kulturwandel, der seinen Namen auch verdient. Ergibt sich die Software-Trickserei nicht letztlich aus dem Streben, noch mehr Autos abzusetzen, noch größer zu werden und dabei noch mehr Rendite einzufahren? Dem könnte VW jetzt das Streben nach wirklich sauberen Motoren entgegensetzen: Wir bauen einen Diesel mit geringem Schadstoffausstoß, niedrigem Spritverbrauch und angemessener Leistung. Technisch muss das machbar sein. Und gekauft wird das Auto auch, wenn es seine Versprechen hält.
Der zurückgetretene VW-Chef Martin Winterkorn hatte wenige Tage vor der Eskalation gesagt, man sei dabei, VW "ein Stück weit neu zu erfinden". Wie recht er unfreiwillig hatte. Die "Neuerfindung" ist jetzt der lange Weg, der vor dem neuen Vorstandschef Matthias Müller liegt. Er muss verhindern, dass es eine Mission Impossible wird.