Stuttgart. Mit der Beteiligung des Zulieferers Mahle am Stuttgarter Nachbarn Behr ist 105 Jahre nach Gründung des Klimatisierungsspezialisten Behr eine neue Ära eingeläutet worden, in der das Familienunternehmen seine Eigenständigkeit verlieren wird. Die Ende Juli beschlossene Beteiligung von 19,9 Prozent an Behr soll bis 2013 auf eine Mehrheit aufgestockt werden. Zunächst wird Mahle zum Jahresbeginn 2011 mit einem Anteil von 36,85 Prozent zweitgrößter Aktionär des in der Wirtschaftskrise in finanzielle Bedrängnis geratenen Unternehmens. Die Familie wird dann noch 48,9 Prozent bei Behr halten, der Anteil der Beteiligungsgesellschaft BWK verringert sich zum Jahreswechsel von 22,6 auf 14,3 Prozent. Zudem hat Mahle die Option, ab 2013 die Mehrheit erwerben zu können. Der Hersteller von Kolben und anderen Motorkomponenten benötigt nicht mehr die Zustimmung der Familie Behr für einen mehrheitlichen Einstieg, weil die Übernahme des BWK-Pakets schon für die Mehrheit reicht. Behr hatte zuvor über ein Jahr lang nach einem Investor gesucht.
Der Preis der Nachbarschaftshilfe
"Auch Mahle musste handeln, da das Unternehmen zu sehr auf den Verbrennungsmotor spezialisiert ist“, sagt Anna-Maria Schäfer, Branchenexpertin für die Zulieferindustrie bei der Landesbank Baden-Württemberg. Die beiden Unternehmen kennen sich gut. So liegen die Firmenzentralen nur rund einen Kilometer voneinander entfernt. Zudem ist Horst Geidel, Vorsitzender des Behr-Aufsichtsrats, auch Aufsichtsrat bei Mahle. Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, bewertet die räumliche Nähe der beiden Unternehmen jedenfalls positiv. Im Gegensatz zu dem von heftigen Kämpfen begleiteten Einstieg der Schaeffler-Gruppe bei Continental konstatiert er im Fall Mahle/Behr "ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis“.
Er sieht deshalb gute Chancen, dass es zwischen den Unternehmen eine konstruktive Zusammenarbeit geben wird und Synergien vorangetrieben werden können. Des Weiteren werde die Größe der beiden Zulieferer (2009 zusammen rund 6,4 Milliarden Euro Umsatz) künftig auch für einen selbstbewussten Auftritt am Markt, etwa im Einkauf, sorgen. "Mittelfristig sehen wir für Mahle und Behr ein gemeinsames Umsatzpotenzial von zehn Milliarden Euro, verbunden mit einer nachhaltig positiven Umsatzrendite“, so Mahle-Chef Heinz K. Junker. Noch 2009 waren beide Zulieferer in die Verlustzone gerutscht. Junker betont, dass die Unternehmen komplette Systemlösungen im Bereich des Antriebsstrangs bei Pkw und Nutzfahrzeugen anbieten können. Als Beispiele dafür nennt er Abgasrückführungsmodule und Ansaugsysteme mit integrierten Ladeluftkühlern. Nach dem Closing, das im Herbst erwartet wird, will Junker in den komplementären Produktbereichen damit beginnen, in gemeinsamen Arbeitsgruppen Synergiepotenziale zu heben.