Pitesti. Im Werk der Renault-Tochter Dacia im südrumänischen Pitesti stehen die Zeichen auf Sturm. Rund 80 Prozent der 13.000 Beschäftigten sind nach Angaben der Gewerkschaft in einen unbefristeten Streik für höhere Löhne getreten. Die Arbeiter verlangen eine Verdoppelung des Lohns bei den niedrigsten Lohngruppen. Die Tageßeitung "Adevarul" verkündete deshalb bereits "das Ende des Mythos vom billigen rumänischen Arbeiter".
Das Geschäftsmodell von Dacia, billige Autos in einem Billiglohnland auf hoch rentable Weise zu produzieren, ist gefährdet. Und bei vielen deutschen und österreichischen Direktinvestitionen, so zuletzt beim 57-Millionen-Euro-Engagement von Ford in Craiova, aber auch im Falle des geplanten Daimler-Werks in Cluj-Napoca, wackelt nun der Business Case. Daimler prüft bereits andere Standorte in Osteuropa.
"Die niedrigen Lohnkosten sind bisher noch der Hauptgrund für westliche Unternehmen, nach Rumänien zu kommen", sagt der auf Rumänien spezialisierte Unternehmensberater Thomas Wendel. "Je höher der Lohnkostenanteil an den Gesamtkosten, umso früher hat man jetzt ein Problem." Wendel empfiehlt, mit der Karawane womöglich ein wenig weiter nach Süden zu ziehen: "In Bulgarien sind die Löhne halb so hoch wie in Rumänien und die Grundstückspreise betragen nur ein Viertel."
Auch die Dacia-Führung weiß, was auf dem Spiel steht. "Diese Forderungen können vor dem Hintergrund, dass bis 2010 Renault-Werke in Marokko, Indien und Russland eröffnet werden, die Zukunft des Werks gefährden", warnte Generaldirektor Francois Fourmont die Belegschaft.
Die Lohnspirale in Rumänien ist mit dem Streik bei Dacia in Gang gekommen und sie wird sich weiterdrehen. Denn die meisten Arbeiter in Rumänien müssen derzeit noch mit einem gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 160 Euro pro Monat auskommen - und diesen Betrag bekommen immerhin 3000 der 13.000 Dacia-Mitarbeiter. Die meisten der übrigen Beschäftigten bei Dacia verdienen rund 450 Euro. Dabei verzeichnet Rumänien vor allem seit dem EU-Beitritt im vergangenen Jahr eine regelrechte Preisexplosion.
Viele Investoren fangen nun an, ihr Rumänien-Engagement neu durchzurechnen. Auch Continental verfolgt die Lage mit Argusaugen: "Wir analysieren ständig sämtliche Faktoren wie Entgeltentwicklung oder Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften, aber auch Energiekosten und andere Rahmenbedingungen", sagt Personalchef Heinz-Gerhard Wente. "Sollten sich also die Rahmenbedingungen in Rumänien nachhaltig verändern, würden wir dies ganz sicher bei künftigen Investitionsentscheidungen berücksichtigen." Zwar seien die Lohnforderungen bei Dacia absolut gesehen noch nicht hoch, räumt er ein. "Allerdings hinterfragen wir nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit zu Deutschland, sondern auch zu osteuropäischen Nachbarstaaten und zu asiatischen Ländern."