München. Milliardenschwere Investitionen lasten nun wie Blei auf den Herstellern. Mehrere Autobauer kündigten deshalb bereits Werksschließungen tageweise, aber auch mehrere Monate lang an. General Motors entschloss sich gar zum radikalsten aller Schritte: Mitte des Jahres zieht sich die Marke Opel komplett aus dem Markt zurück. Dabei galt die russische Karte für Rüsselsheim bislang stets als Trumpf. „Bei den wichtigen Autos, die wir in Russland bauen, haben wir nicht den nötigen Grad an Lokalisierung“, begründet Opel-Chef Karl-Thomas Neumann den bitteren Schritt. Noch vor zwei Jahren stand Russland kurz davor, Deutschland als größten Automarkt in Europa abzulösen. Aus und vorbei. 2014 verlor der Gesamtmarkt bereits zehn Prozent und erreichte nur noch 2,49 Millionen Einheiten. Seither hat sich der Einbruch bei den Volumenherstellern dramatisch beschleunigt. Per Ende März büßte Kia binnen Jahresfrist 32 Prozent ein, Toyota 34 Prozent, Volkswagen und Ford jeweils 57 Prozent. Noch schlimmer erwischte es General Motors: Opel stürzte um 78 Prozent ab, Chevrolet um 74 Prozent. Peugeot und Citroën verloren jeweils 79 Prozent. Der Gesamtmarkt sackte in dieser Zeit um 38 Prozent ab. Immun gegen die Krise zeigt sich dagegen der Premium-Markt. So legte Mercedes im ersten Quartal um acht Prozent zu, Porsche gar um 54 Prozent. Trotzdem ist man auch bei Daimler vorsichtig und hat noch keine Entscheidung über den Start einer lokalen Fertigung getroffen. Der Markteinbruch hat immense Ausmaße – doch es dürfte sogar noch schlimmer kommen. So erwartet PwC für 2015 einen Rückgang um weitere 35 Prozent. Und die Weltbank prognostiziert eine mehrere Jahre dauernde Rezession: Selbst bei einer Erholung der Ölpreise werde das russische Bruttoinlandsprodukt 2015 um 2,9 Prozent sinken, so die Banker. Bei weiter fallenden Ölpreisen könne die russische Wirtschaft am Ende sogar um 4,6 Prozent schrumpfen. Trotz dieser trüben Aussichten glauben viele Autobauer, dass der russische Automarkt weiterhin Potenzial hat. „Für jeden ist absolut klar, dass das hier ein großer Markt ist, der irgendwann zurückkehren wird“, zeigt sich Alexander Ivlev überzeugt, Partner bei EY in Moskau. Durchhalteparolen für einen Verbleib in Russland waren zuletzt auch von branchenfremden Großunternehmen wie Siemens, Ikea und Nestlé zu hören. „Es ist leicht, den Markt aufzugeben, aber nicht einfach, wieder zurückzukehren“, beschreibt Händlerpräsident Mozhenkow das Dilemma der Autobauer.
Rubel- und Ölpreis-Absturz
Das Schlimmste kommt noch
Es ist ein Debakel sondergleichen. „Internationale Autobauer verlieren mit jedem verkauften Fahrzeug bis zu 2000 Dollar“, schätzt der Präsident des russischen Autohändlerverbands, Wladimir Mozhenkow. Die hohen Erwartungen der Autobranche an das Potenzial des russischen Markts sind in nur wenigen Monaten zerstoben. Angestoßen durch die internationalen Sanktionen nach der Krim-Annexion Russlands und verstärkt durch die Halbierung des Ölpreises zwischen Juli und Dezember 2014 verlor der Rubel in den vergangenen zwölf Monaten gegen den Dollar 46 Prozent seines Werts. Ein solcher Verfall lässt sich nicht mehr allein mit Preissteigerungen auffangen.