Volkswagen muss bei der Bewältigung seiner Krise harte Rückschläge verkraften. Kaum hat der neue VW-Chef Matthias Müller seine ersten Lösungspläne vorgestellt, da erreicht der Skandal eine neue Dimension: Plötzlich hat der Konzern nicht nur ein Problem mit geschönten Stickoxidwerten, sondern auch eines mit falschen Kohlendioxidwerten. Aus Dieselgate wird Abgasgate. Das Desaster wird größer, nicht kleiner.
Damit wird auch die Story immer unglaubwürdiger, nur "einige wenige" hätten sich falsch verhalten, nur "einige wenige" hätten von Manipulationen und Falschangaben gewusst. In dem VW-Reich ist den technisch brillanten Köpfen in den oberen Etagen sonst nie etwas entgangen.
Deshalb die bohrenden Fragen: Wer ist in die Manipulation der Abgaswerte verwickelt? Wer wusste davon? Warum wurde bei den niedrigen Werten nicht früher jemand stutzig? Und wer war alles bei der Abnahme des Motors EA 189 dabei? Allein der Begriff "EA 189" – die Abkürzung steht für "Entwicklungsauftrag" – zeigt schon, wie geordnet bürokratisch Motoren bei VW – wie übrigens bei jedem anderen Hersteller auch – entstehen. Eine Entwicklung dieser Dimension durchläuft einen klar definierten Prozess, in dem alle Informationen sauber aufgezeichnet werden.
Wer was wann wo verantwortete – das werden die internen und externen Untersuchungen ans Licht zu bringen haben. Die Antworten lassen jetzt schon seit fast zwei Monaten auf sich warten. Der Zwölf-Marken-Konzern Volkswagen, das House of Cars, muss aufpassen, dass er sich in der langen Zeit der Ungewissheit nicht zum House of Cards wandelt, das in sich zusammenfällt.
Grundsätzlich hat Volkswagen sowohl die finanziellen als auch die technischen Möglichkeiten, die schwerste Krise der Unternehmensgeschichte zu überstehen. Doch verstreicht die Zeit. Das tut dem Konzern nicht gut. Es wird immer dringlicher, dass endlich ein Zwischenbericht vorgelegt wird.