Rüsselsheim. Spekulationen entstehen immer dann, wenn wichtige Fragen unbeantwortet bleiben. Opels neuer Vorstandsvorsitzender Karl-Friedrich Stracke beantwortet die Zukunftsfragen zurzeit eher zurückhaltend: „Die Grundlagen für einen dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg sind gelegt“, sagt er. Opel habe einen Plan, der es erlaube, „auch bei einer niedrigen Gesamtmarktentwicklung Geld zu verdienen.“ Zudem habe der Hersteller eine Strategie für „weitere bedeutende Investitionen in Produkte und Technologien“ entwickelt. Tatsächlich hatte GM im Februar 2010 Investitionen von elf Milliarden Euro bis 2014 angekündigt – allerdings unter der Prämisse, dass der schmerzhafte Restrukturierungsplan konsequent umgesetzt wird. Mit der Einigung über den Stellenabbau im Werk Bochum ist diese Voraussetzung erfüllt.
Zudem vermerkt man in Rüsselheim mit Stolz, dass der Marktanteil sieben Monate in Folge gewachsen sei. Dennoch geht es GM-Chef Akerson nicht schnell genug voran. „Ich bin ungeduldig“, ließ er aus Detroit verlauten. Folge: Neue Verkaufsgerüchte machen die Runde. Denn mit Chevrolet erwächst Opel ein Konkurrent im eigenen Konzern. In Europa verdreifachte die größte GM-Marke den Absatz seit 2003, für 2016 peilt Chevrolet 500.000 Verkäufe an. Allein in diesem Jahr werden in Europa neun neue oder stark aufgefrischte Chevrolet-Modelle vorgefahren. Nicht zuletzt wird Chevrolet praktisch zeitgleich mit dem Plugin- Hybrid Opel Ampera den baugleichen Volt anbieten, der zudem noch etwas preiswerter ist – ein Affront gegen Opel. Dabei hatte Opel zuletzt vor allem dank des Insignia wieder etwas Abstand zum internen Rivalen gewonnen. Der Insignia wurde zum Inbegriff des Neustarts: Mit ihm zeigten die Opel-Ingenieure, wozu sie trotz budgetärer Engpässe und administrativer Hürden in der Lage sind.
In den Kernkompetenzen Qualität, Design, Assistenztechnik und Fahrwerk muss sich Opel seitdem vor keinem der Mitbewerber mehr verstecken. Auch bei alternativen Antrieben kann Opel punkten: Im Dezember kommt der Ampera auf den Markt, zwei Jahre später sollen die ersten reinen Elektroautos starten – und auch die Wasserstoff- Testflotte ist weit gediehen. Nicht zuletzt sind pfiffige Innenraumkonzepte die Domäne der Rüsselsheimer. Das reicht von variablen Hinterbänken über das „FlexFix“-Fahrradträgersystem bis zum ungewöhnlichen Türkonzept des Meriva. Doch es gibt noch große Technologie- Lücken: So fehlt Opel-Motoren bislang eine Benzindirekteinspritzung, obwohl klar ist, dass ohne diese Technologie eine deutliche Verbrauchs- und CO2- Senkung kaum möglich ist. Rüsselsheim setzt aus Kostengründen immer noch auf die Saugrohreinspritzung. Folge: Die ecoFlex-Motoren von Opel verlieren nahezu jeden Vergleichstest gegen Rivalen wie VWoder Ford. „Rau und durstig“ lautet häufig das Urteil.
Das Opel-Entwicklungszentrum kennt die Lücken. Entwicklungschefin Rita Forst gab der Automobilwoche einen Einblick in die Zukunftspläne. So arbeite Opel derzeit an drei neuen Motorenfamilien. Zunächst wird neu im Motorenangebot der Rüsselsheimer ein modifizierter 1,7- Liter-Turbodiesel mit 130 PS erscheinen. Aus dem Unternehmen ist zu hören, dass das Aggregat im Normzyklus nur 3,7 Liter Diesel verbrauchen soll und damit 17 Prozent weniger als der bisherige 1,7-Liter-Diesel. Zudem werden die Benziner mit Start-Stopp-Systemen kombiniert. Trotzdem bleibt technologisch auch dann noch ein Abstand zu den Wettbewerbern (siehe Grafik links). So suchen Kunden bei Opel vergebens nach einem Doppelkupplungsgetriebe, das neben VW und Ford nun auch Hyundai anbietet. Schmerzliche Lücken gibt es auch in der Modellpalette: Statt eines eigenen Kompakt-SUV muss Opel ein nicht konkurrenzfähiges Produkt aus südkoreanischer GM-Produktion verkaufen: den Antara. Und seit dem Ende des Omega fehlt auch ein Oberklassemodell. Auf den neuen Vorstandschef Karl-Friedrich Stracke wartet viel Arbeit.