Ehningen. Wachsende Märkte in Schwellenländern, aber auch alternative Fahrzeugantriebe stellen Engineeringunternehmen vor neue Herausforderungen. Automobilwoche sprach mit Dietmar Bichler, Vorsitzender des Vorstands der Bertrandt AG, über die Zukunftschancen der Branche.
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Im Grunde sind die Aussichten gut. Zum einen spreizen unsere Kunden, die Fahrzeughersteller, ihre Modellreihen immer weiter auf und besetzen dabei weitere Nischen. Das bringt den Entwicklungsdienstleistern zusätzliches Auftragsvolumen. Dieser Trend setzt sich auch bei unserer zweiten Kundengruppe, den Systemlieferanten, fort. Zum anderen sorgt der Gesetzgeber für Entwicklungsbedarf - beispielsweise mit Vorgaben zur CO2-Reduzierung oder zum Fußgängerschutz. Auch das löst für unsere Branche ordentliches Volumen aus. Wenn man dann noch berücksichtigt, in welch relativ kurzer Zeit Themen wie Hybrid und alternative Antriebskonzepte Fahrt aufgenommen haben, verdeutlicht das die guten Perspektiven für Unternehmen wie Bertrandt.
Welche großen Themen sehen Sie im Bereich Automobilentwicklung?
Im Vordergrund stehen Umwelt und Verbrauch, Gesetzgebung, Sicherheit und Fahrzeuggewicht. Davon sind dann alle Dißiplinen im Automobilbau betroffen. Nur durch das Zusammenwirken der einzelnen Systeme im Fahrzeug werden weitere Optimierungen möglich sein. Mit einer einzelnen Maßnahme lassen sich heute keine dramatischen Schritte mehr erreichen.
Wo sehen Sie dabei die Stärke Ihres Unternehmens?
Innerhalb der Fahrzeugentwicklung decken wir eine große Bandbreite ab und agieren mit einem extrem breiten Leistungsspektrum am Markt. Wir bieten Lösungen für einzelne Fahrzeugmodule bis hin zum Gesamtfahrzeug an. Darin sehen wir einen Wettbewerbsvorteil.
In den vergangenen Jahren haben einige Fahrzeughersteller oder auch große Systemlieferanten eigene Engineeringtöchter ausgegründet. Versetzt Sie diese zusätzliche Konkurrenz in Schrecken?
Nein. Im Grunde sehe ich das positiv. Es gilt der alte Grundsatz, dass Wettbewerb das Geschäft belebt. Solche Konkurrenz ist letztlich Ansporn für uns, um zu überprüfen, ob das eigene Unternehmen noch richtig positioniert ist. Außerdem können wir nicht beeinflussen, wer sich in diesem Geschäftsfeld noch engagieren will.
Welche Bedeutung hat der Markt der sogenannten Low-Cost-Cars für die Entwicklungsdienstleister?
Der Markt für solche Fahrzeuge entwickelt sich gerade. Wir möchten erst einmal sehen, in welchem Ausmaß das künftig geschehen wird. Letztlich werden Entwicklungen für solche Autos eine weitere Spreizung des Markts nach sich ziehen. Generell können wir solche Aufgabenstellungen abdecken, und es bedeutet für uns natürlich darüber hinaus zusätzliches Potenzial.
Wird Bertrandt deshalb spezielle Engineeringkapazitäten in solchen Märkten aufbauen?
Aus heutiger Sicht hat das für uns trotz zusätzlicher Volumen bei den Low-Cost-Cars nicht erste Priorität. Wir werden unsere Entwicklungen weiter aus Europa beziehungsweise aus Deutschland heraus betreiben. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht projektbezogen in solchen Märkten engagieren. Eine massive Verlagerung von Engineeringkapazitäten in die Emerging Markets sehe ich im Moment jedoch nicht.
Wo liegen Ihre Schwerpunkte bei der Entwicklung von Low-Cost-Fahrzeugen?
Da möchte ich keinen bestimmten Bereich hervorheben. Letztendlich ist davon unsere gesamte Leistungspalette betroffen.
Wird sich das Unternehmen Bertrandt künftig stärker als bisher auf dem russischen Markt engagieren?
Derzeit wird in Russland die Fahrzeugproduktion gestärkt. Ich sehe allerdings nicht, dass dadurch im gleichen Maße vor Ort auch Entwicklungsgeschäft entsteht.
Haben sich die Anforderungen der Autohersteller gegenüber den Entwicklungsdienstleistern in jüngster Zeit verändert?
Unser Geschäft ist von einem ständigen Wandel geprägt. Bei Projekten, um die wir uns bewerben, sind die Aufgabenstellungen deutlich komplexer geworden. Das betrifft nicht nur die technischen Inhalte, sondern auch die Anforderungen an die finanzielle Stabilität des Unternehmens. Ich rechne damit, dass die Erwartungen an unsere Branche diesbezüglich vor allem bei größeren Projekten künftig noch weiter ansteigen werden.
Welche Entwicklungskompetenz hat Ihr Unternehmen bei alternativen Antrieben?
Bei Fahrzeugen, die derzeit auf Messen zu solchen Themen angekündigt werden, sind wir an vielen unterschiedlichen Aufgabenstellungen beteiligt. Sei es Hybrid, Antriebsstrang, alternative Kraftstoffe oder auch alternative Brennverfahren.
Wo sehen Sie für Bertrandt das größte Wachstumspotenzial?
Da lässt sich kein bestimmter Entwicklungsbereich benennen. Bertrandt befindet sich insgesamt auf einem guten Wachstumspfad. Bei nahezu allen Unternehmensteilen und Kunden sehen wir noch Potenzial.
Wollen Sie durch Zukäufe bestimmte Unternehmensbereiche stärken?
Derzeit eher nicht. Uns ist vor allem an organischem Wachstum gelegen.
Gibt es Auslandsmärkte, auf denen Sie Ihre Aktivitäten künftig verstärken möchten?
Wir wollen an unserer derzeitigen Aufstellung nichts Wesentliches ändern. Es gibt sicherlich das eine oder andere Projekt, das wir auch in anderen Ländern abwickeln. Aber wir erwarten insgesamt keine Verschiebungen unserer Schwerpunkte.