München. Die „Freude am Fahren“ muss nicht per gesetzlicher Regelung eingeschränkt werden. Denn zäh fließender oder stehender Verkehr zehrt nicht nur an den Nerven, sondern auch am Portemonnaie. Er bringt unnötige Schadstoff- und Lärmbelastung mit sich, verursacht längere Fahrzeiten und größeren Platzbedarf für Straßen. Und er führt zu Unfällen. Die Volkswirtschaft leidet unter ineffizientem Verkehr. „Kooperative Verkehrssysteme ermöglichen die Vision vom unfall- und emissionsfreien Fahrerlebnis“, sagt denn auch Sabina Jeschke zur Zukunft des Automobils. Jeschke ist Professorin an der RWTH Aachen und dort Direktorin eines auf Verkehrsforschung und Telematik spezialisierten Zusammenschlusses mehrerer Universitätsinstitute. Vor wenigen Tagen wurden von der Initiative Ko-FAS (Kooperative Fahrzeugsicherheit) Ergebnisse präsentiert. Ziel eines Forschungsprojekts, an dem Jeschke beteiligt ist, war eine erhebliche Steigerung der Verkehrssicherheit durch eine zuverlässige Erfassung des Fahrumfelds mittels vernetzter Sensortechnik. „Durch die Verfolgung kooperativer Ansätze kann der Nutzen von Fahrerassistenzsystemen noch einmal deutlich erhöht werden, denn Kooperation und Rücksichtnahme spielen für die Sicherheit im Straßenverkehr eine entscheidende Rolle“, sagt Ralph Rasshofer, der BMW in der Ko-FAS-Initiative vertritt.
Aufbruch mit dem Schwarm
„Bedingungen für kooperative Verkehrssysteme sind ein vernetztes Automobil, die Etablierung neuer automobiler Mobilitätsprodukte und Dienstleistungen, die selbstverständliche Nutzung neuer Technologien sowie Telematik als Schlüsseltechnologie“, beschreibt Verkehrsforscherin Jeschke die Herausforderung. Die grundlegenden Voraussetzungen sind nach Einschätzung der Forscher bereits heute schon gegeben: intelligente Assistenzsysteme im Fahrzeug, mobil nutzbare Kommunikationssysteme und Verkehrsleitzentralen. Fast alle Verkehrsforscher, die sich mit Car-to-X-Systemen beschäftigen, verweisen bei der Frage nach einem geeigneten Funksystem auf das kostengünstige und standfeste WLAN. Fortschrittliche Systeme erreichen eine Reichweite nach vorn und hinten von rund 1000 Metern und eine Seitenreichweite von etwa 250 Metern, und sie funktionieren auch bei hohen Geschwindigkeiten bis zu etwa 200 km/h. Die Investitionen für die benötigten neuen Technologien bleiben überschaubar, weil diese in modernen Modellen häufig bereits vorhanden sind: Mittels GPS und Fahrzeugsensorik werden Fahrzustandsdaten gesammelt. Besonders interessant sind Informationen zu Staus, Aquaplaning, Ölspuren und anderen außergewöhnlichen Situationen. Per Mobilfunk werden diese Daten – tunlichst anonymisiert – mit räumlichen Koordinaten und einem Zeitstempel versehen an eine Zentrale übertragen. Verkehrsforscher wie Sabina Jeschke sprechen von „Floating-Car-Data“- Zentralen. In diesen Leitzentralen werden die Daten der mobilen Endgeräte mit Daten stationärer Sensoren und mit digitalen Karten abgeglichen. Bei Hindernissen oder Problemen sendet die Zentrale entsprechende Hinweise mit Ausweichmöglichkeiten an die angeschlossenen Fahrzeuge und deren Fahrer. Die Arbeitsweise eines solchen Systems ist mit einem Fischschwarm vergleichbar: Ohne selbst den gesamten Überblick zu haben, kann der einzelne Autofahrer im koordinierten Schwarm am vernünftigsten agieren. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, bedeuten in vielerlei Hinsicht einen Paradigmenwechsel im gesamten Verkehr. So können Fahrzeuge künftig mit Ampeln und „intelligenten“ Verkehrsschildern kommunizieren und dadurch selbsttätig und effizient den Verkehr regeln. Fußgänger und Fahrradfahrer können ebenfalls eingebunden werden, etwa durch den Einbau geeigneter Transponder in Schulranzen, Helmen oder Handys. Das wird etwa den Schulweg von Kindern deutlich sicherer machen. Forscherin Jeschke erwartet sogar noch mehr: „Die Architektur künftiger Städte und auch deren Datenarchitektur gestaltet das Auto der Zukunft.“ Mithilfe einer derart vernetzten Fahrzeug- und Verkehrstechnik wird nicht zuletzt auch für die Logistikbranche ein neues Zeitalter beginnen. Sei es beim Transport von Gütern oder von Personen – künftig können die vorhandenen Kapazitäten weit effizienter eingesetzt werden. Neue Dienstleistungen, die noch in den Kinderschuhen stecken, werden beflügelt. So könnte etwa das One-way-Carsharing, also die Rückgabe von Kurzzeit-Mietfahrzeugen an einem beliebigen Ort, mittels kooperativer Mobilität zur dominierenden Art der individuellen Fortbewegung werden, zumindest in Ballungsgebieten. Auf die Automobilbranche warten somit noch viele Herausforderungen und so manche Risiken – aber auch die Chance, in neue, profitable Geschäftsfelder einzusteigen. Lässt sie diesen Zug vorüberfahren, steigen andere ein.