Coventry. Vor wenigen Jahren war Penso noch eine Bastelbude mit zehn Leuten, inzwischen stehen 250 hoch qualifizierte Mitarbeiter auf der Lohnliste, bis Ende des Jahres sollen es 350 sein. Das Wachstum hat einen einfachen Grund: Pensos Kunden sind allesamt auf Expansionskurs: Jaguar Land Rover, Bentley und Mercedes. „Wir konnten auch deshalb so schnell wachsen, weil wir eine Menge Unterstützung von der Regierung und von den lokalen Behörden bekommen“, sagt Collins. Tatsächlich hat sich die Regierung von Premierminister David Cameron ehrgeizige Ziele in der Industriepolitik gesetzt. Eine wichtige Rolle spielen dabei zahlreiche staatliche und halbstaatliche Fördereinrichtungen wie beispielsweise „Innovate UK“. Für Start-ups und Technologieunternehmen wie Penso stehen deshalb viele Fördertöpfe bereit. Vor wenigen Tagen punktete Cameron bei einer Debatte im britischen Unterhaus, in der es wieder einmal um die EU-Zugehörigkeit Großbritanniens ging. Die EU-Mitgliedschaft sei lebenswichtig für das Land, betonte Cameron. Ohne sie hätten es ausländische Investoren in Großbritannien wesentlich schwerer. Die englische Presse befürchtet gar den Auszug deutscher Autobauer: „BMW could say ‚Auf Wiedersehen‘.“ Auch Penso-Verkaufschef Collins hält den von vielen Insulanern geforderten EU-Austritt für eine Katastrophe: „Darunter würde das ganze Land leiden.“ Der Freihandel stehe auf dem Spiel und auch die für die Autoindustrie so wichtigen internationalen Standards. „Wir wollen weiter mit den deutschen Autobauern und den deutschen Lieferanten eng zusammenarbeiten. Das geht am besten innerhalb der EU.“ Nicht zuletzt seinen wachsenden Bedarf an Nachwuchsingenieuren und Facharbeitern könne Großbritannien ohne offene Grenzen zur EU kaum decken, fürchtet Collins. Großbritanniens Automobilindustrie ist mit Volldampf zurückgekommen. Inzwischen rollen in jeder Minute wieder drei neue Autos aus einem der Automobilwerke in Solihull (Jaguar Land Rover), Sunderland (Nissan), Burnaston (Toyota) oder Swindon (Honda). Bereits 2013 wurden in Großbritannien erstmals seit 50 Jahren wieder mehr Pkw hergestellt als im Autoland Frankreich. Analysten erwarten, dass in Großbritannien in diesem Jahr mehr als 1,7 Millionen Fahrzeuge gebaut werden – und 2016 bereits 1,9 Millionen. Die Branche ist zu einem Jobmotor geworden: Mehr als 730.000 Menschen arbeiten in der britischen Automobilindustrie, davon 146.000 bei einem Hersteller. Bis 2020 werden 100.000 zusätzliche Jobs in der Autobranche geschaffen, erwartet der Herstellerverband SMMT. Allein beim boomenden Autobauer Jaguar Land Rover (JLR) wurden in den vergangenen fünf Jahren 4500 neue Mitarbeiter eingestellt. Solche Zuwachsraten haben ihren Preis: „Eine unserer größten Herausforderungen ist es inzwischen, erfahrene Mitarbeiter zu gewinnen“, sagt Alan Volkaerts, Direktor des JLR-Werks in Solihull, das inzwischen trotz ständiger Erweiterungen aus allen Nähten platzt. Die britische Markenikone arbeitet deshalb sehr eng mit Schulen im Werksumfeld zusammen. Die Mitarbeiter brechen regelmäßig zu „Freiwilligeneinsätzen“ in der Nachbarschaft auf, um für ein gutes Image in der Region zu sorgen. Solihull steckt mitten in einem atemberaubenden Wachstum: 2011 waren erst 4500 Mitarbeiter beschäftigt, inzwischen sind es 9259, rechnet Volkaerts vor. Dass es der britischen Autobranche gelang, innerhalb weniger Jahre wieder innovative Technologien und begehrte Autos zu bauen, hat seinen Grund auch in der langen Tradition der Ingenieur- Kaderschmieden des Landes. An erster Stelle steht dabei die Universität von Warwick mit ihren zahlreichen Departements. Bereits 2009 wurde an der Uni ein „Automotive Council“ mit der Intention gegründet, genau die Forscher auszubilden, die die wieder aufstrebende britische Automobilbranche braucht.
Great Britain first
Im Jahr 2013 entstand dann auf dem Unicampus das Entwicklungszentrum Advanced Propulsion Centre (APC), das von der Regierung und von Unternehmen der Automobilbranche finanziert wird. „Unser Ziel ist es, strategische Technologien für die Automobilindustrie in UK voranzutreiben und dabei den Anteil der Entwicklung und Produktion zu erhöhen, der in Großbritannien entsteht“, erklärt APC-Direktor Garry Wilson. Dazu kann das APC aus dem Vollen schöpfen: Industrie und Regierung statteten das Zentrum für einen Zeitraum von zehn Jahren mit jeweils 500 Millionen Pfund aus. In einer aktuellen Studie kommt das „Automotive Council“ zu dem Schluss, dass es in der britischen Autoindustrie derzeit einen unerfüllten jährlichen Bedarf nach lokal gefertigten Teilen im Wert von fast vier Milliarden Pfund gibt. Da verwundert es kaum, dass viele Zulieferer wie Lear, Calsonic Kansei, Nifco und Brose in jüngster Zeit erheblich in Großbritannien investiert haben. „Die enge Zusammenarbeit mit der Regierung war entscheidend dafür, dass wir unser Geschäft in UK voranbringen“, sagt Brose- Länderchef Jürgen Zahl. Die Zeichen dafür stehen gut. Anfang 2016 wird Brose ein neues Werk in der automobilen „Hölle“ eröffnen.