Frau Röttger, welche Akzente wollen Sie in Ihrer neuen Position setzen?
Die Gesamtausrichtung der Gruppe ist so klar und prägnant, dass es für mich mit meiner Regionsverantwortung keine strategische Neuausrichtung geben muss. Alle unsere künftigen Aktivitäten beruhen auf dem Thema Nachhaltigkeit, maßgeblich immer Menschen, Profit und die Umwelt einbezogen. Es gibt bei uns verschiedene Säulen, um Nachhaltigkeit einzubringen. Nachhaltig zu ‚fahren‘ heißt natürlich, dass es in den einzelnen Regionen andere Fortschritte, Herangehensweisen gibt, die sich aus den Abhängigkeiten aus den Märkten heraus ergeben.
Welche sind das?
Unsere nachhaltige Strategie und die damit verbundenen Akzente, die wir in den Regionen setzen, sind stark aus der Kundenseite denkend geprägt. Das Interesse des Kunden an Nachhaltigkeit zeigt heute schon ein ganz anderes Level als noch vor zehn Jahren. Nachhaltige Produkte und Lösungen müssen funktionieren, damit sie angenommen werden, daher entwickeln wir diese gemeinsam mit unseren Partnern und Kunden. Zu den Lösungen gehören übrigens ebenso Themen wie Recycling, der Einsatz von biologisch abbaubaren Produktionsstoffen oder eben auch die Unterstützung von neuen Antriebsformen wie Wasserstoff. Die nachhaltigen Bedürfnisse auf Kundenseite "übersetzen" wir selbstverständlich auch in unsere Produktion. Dabei geht es darum, die CO2-Emissionen unserer Werke und den Wasserverbrauch zu reduzieren. Als Gruppe haben wir uns auf die Fahne geschrieben, unsere CO2-Emissionen verglichen mit dem Jahr 2021 bis 2030 um 40 Prozent zu reduzieren. 2050 wollen wir komplett CO2-neutral produzieren. Den Wasserverbrauch wollen wir im Vergleich zum Jahr 2019 bis 2030 um 33 Prozent verringern.
Welche Marktpositionierung wollen Sie erreichen?
Es gibt drei Felder auf denen wir die Nummer eins sein wollen. Als seit 2019 weltgrößter Reifenhersteller streben wir das in den Bereichen E-Mobilität und Wasserstoff an. Der dritte Bereich ist das Pkw-Premiumsegment bei 18 Zoll-Rädern und größer. Wichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen, dass wir alle drei Felder gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern entwickeln und wir hier auf starke Partnerschaften setzen. Denn nur durch Zuhören können wir die Bedürfnisse genau erkennen und entsprechend auf dem Markt reagieren.
Was ist seit der vor drei Jahren beschlossenen Schließung des Reifenwerks in Hallstadt passiert?
Wir haben immer noch 58 Mitarbeiter am Standort, die den Wechsel von einer Produktionsstätte Michelins hin zu einem Innovationspark begleiten. Der Cleantech Innovation Park richtet sich eng an den Bedürfnissen der Nutzer in der Region aus. Das sind in erster Linie Unternehmen unterschiedlicher Größe, die in gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekten Zukunftstechnologien entwickeln und marktfähig machen wollen. Im Juni 2021 hatten wir die Grundsteinlegung für den Innovationspark, im Dezember 2021 folgte die Gesellschaftergründung, und jetzt finalisieren wir die Abbaumaßnahmen, die Räumung des Gebäudes und beginnen mit dem Aufbau der verschiedenen Werkshallen. Die 8000 Quadratmeter in insgesamt sechs Werkshallen sind flexibel nutzbar. Rund 37 Millionen Euro fließen zunächst in das Projekt auf dem Gelände des Cleantech Innovation Park, dessen Finanzierung von den drei Gesellschaftern des Parks getragen wird: Michelin, der Stadt Hallstadt sowie dem Landkreis Bamberg. Ende 2023 soll das Innovationszentrum in Betrieb gehen und auch die Planungen für den Bau eines Kreativ-Forums, inklusive der Förderantragsstellung, laufen bereits. Mit diesem Forum wird ein Ort des Austauschs, der Begegnung und des Wissenstransfers geschaffen.
Welche Projekte gibt es?
Darüber kann ich nicht reden, da sich die jeweiligen Kooperationspartner wie beispielsweise die Universität Nürnberg, Bayreuth, das Max-Planck- oder auch das Fraunhofer Institut in der Phase der Fördergeldbewilligung befinden. Nach Abschluss des Bewilligungsprozesses würde die Kommunikation über die jeweiligen Einrichtungen erfolgen. Reden kann ich aber über das Projekt E-Road – ein Konsortium mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Dabei geht es um effizientere Fertigungsprozesse im Bereich des induktiven Ladens. Es soll sechs unterschiedliche, flexible Produktionshallen geben, um Prototypen zur Marktreife zu entwickeln. Wir wollen kleinen und mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit geben, von den Forschungsergebnissen des Innovationsparks zu profitieren. Neben dem induktiven Laden ist die additive Fertigung ein weiterer großer Bereich.
Michelin hat mit Rheinmetall haben einen Kooperationsvereinbarung im Rüstungsbereich geschlossen. Liefern sie heute schon in den militärischen Bereich?
Wir stellen Reifen für alle Segmente her, auch für die Versorgungsfahrzeuge der Verteidigungsindustrie. Der Anteil aus der Verteidigungsindustrie macht maximal zwei Prozent unseres Konzernumsatzes aus. Es ist uns wichtig, dass wir mit unseren Partnern alle Exportkontrollen sicherstellen können. Für uns als Gruppe ist eine Grundvoraussetzung die internationalen Gesetze und die geltenden Embargos strikt einzuhalten, darüber hinaus haben wir uns als Unternehmen noch strengere Maßstäbe gesetzt, die über die gesetzlichen Vorschriften hinausgehen, indem alle Handelsströme auf höchstem Niveau kontrolliert werden. Alle Embargos werden vollumfänglich eingehalten.
Michelin will sich aus Russland zurückziehen. Ist das ein endgültiges Aus?
Das lässt sich so nicht sagen. Wir wissen einfach nicht, wie sich die Situation entwickelt. Wir hatten 900 Mitarbeiter in unserer russischen Produktionsstätte sowie in unsere Marketing-und Vertriebsorganisation beschäftigt. Das Aus war für uns kein leichter Schritt, weil diese 900 Mitarbeiter zum Teil seit vielen Jahren ein Teil der Michelin-Gruppe waren. Es wird bis Ende des Jahres eine Schlüsselübergabe an das lokale Managementteam stattfinden. Für das Werk und Mitarbeit geht es weiter, es war uns wichtig der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern gerecht zu werden. Gleichzeitig operieren wir nicht mehr auf dem Markt Viele unserer Lieferketten sind immer noch von der Situation mit Russland und der Ukraine betroffen.
Sie unterhalten mit Symbio ein Joint Venture mit dem französischen Zulieferer Faurecia. Nun kooperiert Symbio auch mit Schaeffler, das Bipolar-Patten liefert. Welche Erwartungen haben Sie an das Gemeinschaftsunternehmen?
Das Ziel der Zusammenarbeit ist ein kompletter Antrieb. Für uns ist Wasserstoff neben der Elektromobilität die perfekte Antriebslösung. Als Mobilitätsanbieter kommt man am Thema Wasserstoff nicht vorbei. Wir wollen das Geschäft signifikant ausbauen. Im Jahr 2030 wollen wir in dem Bereich einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro erzielen. Heute gibt es laut Studien weltweit rund 25.000 mit Wasserstoff betriebene Fahrzeuge. Und wir wollen über die nächsten Jahre einen Marktanteil von zwölf Prozent in diesem signifikant wachsenden Markt erreichen. Michelin forscht seit mehr als 15 Jahren im Bereich Brennstoffzelle und hat Zugang zu allen großen globalen Kunden. Jährlich investieren wir 680 Millionen Euro in die Forschung und Entwicklung. In der Kombination mit Faurecia sehen wir uns in einer guten Ausgangslage, um unsere Zielsetzung für 2030 auch zu erreichen.
Geht es im Gemeinschaftsunternehmen immer um Fahrzeugantriebe?
Im Fokus steht immer das Thema Mobilität. Das ist unsere Kernkompetenz. Mit Symbio haben wir schon verschiedene Generationen von Brennstoffzellen auf den Markt gebracht und statten damit bereits einige Flotten aus. Beispielsweise gehört der Fahrzeughersteller Stellantis zu unseren Kunden. Aktuell ist es unser Ziel, die Herstellungskosten so drastisch zu senken, dass der Antrieb wettbewerbsfähig wird. Wir gehen nicht davon aus, dass der gesamte Pkw-Markt irgendwann rein wasserstoffbetrieben sein wird, sondern dass bedarfsorientiert entschieden wird, wo Brennstoffzelle und Wasserstoff im Antrieb sinnvoll sind. Wichtig ist uns bei Michelin die Technologieoffenheit, wir schauen uns genau die Bedürfnisse unserer Kunden und die Marktveränderungen an, was die Antriebsformen angeht.
Und wo sehen Sie die Anwendungen vorzugsweise?
Auch hier gilt es, flexibel zu handeln. Die Technologieoffenheit und eine ganzheitliche Betrachtung ist stets das Credo. Wenn sich neue Antriebsformen auf dem Markt ergeben, sucht man sich den Einstieg dort, wo der Nutzen und die Nachfrage von Kundenseite am größten ist. Wir sahen diesen in erster Linie im Schwergewichtsverkehr, wie beispielsweise Lkw oder Anwendungen auf der Langstrecke. In Frankreich testen wir mit Unterstützung des französischen Staates im Rahmen des Projektes Zero Emission Valley auf einem speziellen Areal Wasserstoff als Mobilitätslösung unter realen Bedingungen. Dort werden 1200 Fahrzeuge mit der dazugehörigen Infrastruktur auf die Straße gebracht. Gemeinsam mit unseren Partnern bauen wir dort 20 Stationen zur Betankung auf. Flottenbetreiber haben hier die Möglichkeit, die Infrastruktur testen zu können. Wir haben auch schon von der Politik in Deutschland Anfragen erhalten, ob so etwas auch hier denkbar wäre. Wenn Wasserstoff massentauglich in die Umsetzung gebracht werden soll, ist es nötig, dass sich das gesamte Eco-System beteiligt. Beim Projekt Zero Emission Valley sollen die Ladesäulen mit grünem Wasserstoff befüllt werden. Das heißt, auch die Politik muss dafür sorgen, dass genügend grüner Wasserstoff hergestellt wird.
Welche Chancen hat die Brennstoffzelle im Pkw?
Es ist ganz wichtig, dass gemeinschaftlich damit begonnen wird, in das Thema einzusteigen, also wie schon betont den so genannten "Need" im Markt zu erkennen. Es bringt nichts, wenn der eine auf der Pkw- und der andere auf der Lkw-Seite anfängt. Für mich erfolgt ein logischer Einstieg in die Brennstoffzelle über das Flottengeschäft, weil Lkw- oder Bus-Flotten immer wieder zu ihrem Standort zurückkehren und dann geladen werden können. Fahrer von Fahrzeugflotten sollten nicht anhalten müssen, um unterwegs noch einen Ladevorgang durchzuführen. Im Bereich Pkw könnten Taxiflotten oder Leasinggesellschaften potenzielle Kunden für Brennstoffzellen-Pkw sein.
Was sind für Sie die derzeit größten Herausforderungen?
Zum einen eine Balance zu finden für die Mitarbeiter in den derzeit stattfindenden Veränderungen im Transformationsprozess der Branche und dem Bedürfnis des Einzelnen nach Stabilität. Zum anderen weiterhin die Probleme in der Lieferkette. Solche Volatilitäten hat es bislang in der Industrie nicht gegeben. Jetzt ist noch die Gasknappheit hinzugekommen. Wir stellen uns die Frage, wie unsere Fabriken gasunabhängig produzieren können.
Ist das schon gelungen?
Im Rahmen eines Projektes wird das Michelin-Reifenwerk in Bad Kreuznach voraussichtlich ab Ende August in der Lage sein, den eigenen Dampfbedarf zu 100 Prozent aus leichtem Heizöl zu decken. Somit wären wir dann wieder bei 100 Prozent Zukauf von Grünstrom. Im Reifenwerk in Homburg hat Michelin ein Projekt lanciert, bei dem der Kessel auf leichtes Heizöl umgebaut werden soll. Die Inbetriebnahme ist für Anfang November vorgesehen. Alle deutschen Werke werden also bis Ende November gasunabhängig sein.
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