München. Die Ergebnisse der Bundestagswahl können für Automobilexperten keine Überraschung geboten haben. Die Zahl der Wechselwähler steigt. Das kennt die Autobranche schon lange. Blieben Kunden früher nahezu lebenslang ihrer Marke, ihrem Händler treu, laufen sie nun in Scharen dorthin, wo der niedrigste Preis winkt, der beste Deal zu machen ist. Und wie in der Politik kommt das böse Erwachen erst nach der Wahl, wenn sich all die schönen Versprechungen ("Der geht 220, braucht nur fünf Liter und verliert kaum an Wert!“) als Luftblasen entpuppen. Auch die Zahl der Nichtwähler steigt. Kennen wir. Für immer mehr Menschen steht das Auto bei ihren Konsumausgaben nicht mehr an erster Stelle. Jetzt konkurriert das heilige Blechle plötzlich mit Fernreisen, Flachbildfernsehern und Wohnungseinrichtung und muss sich im Haushaltsbudget hinten anstellen.
Auch die Zersplitterung der politischen Landschaft von einem Drei- zu einem Fünf-Parteien-System ist der Autobranche nicht neu. Das "One-Size-fits-all“-Auto gibt es schon lange nicht mehr. Aber die Marken- und Modellvielfalt explodiert erst seit einigen Jahren so richtig – obwohl die Zahl der dahinterstehenden Autohersteller abgenommen hat und weiter abnimmt. Das hat auch etwas mit der zunehmenden Segmentierung oder sogar Atomisierung der Gesellschaft zu tun. Individualität wird ein Wert an sich. Man will keinesfalls das Auto, das der Nachbar hat. Diese Entwicklung, von den großen Parteien mit Schrecken beobachtet, kann für die Industrie auch eine Chance sein. Autos, die sich stark individualisieren lassen, sind plötzlich auch von solchen Marken gefragt (VW, Ford, Kia), die früher fast nur "von der Stange“ verkauft haben. Die Hersteller sollten also darauf achten, für jedes Milieu das richtige Auto zu haben: für die Grünen (Toyota) genauso wie für die FDP (Audi, BMW), CDU (Mercedes), SPD (Opel) und Linke (Dacia).
Nur das Auto zur Piratenpartei ist noch nicht auf dem Markt. Die hat sich vor allem bei den Erstwählern achtbar geschlagen. Und um die Erstwähler bei den Autokäufern balgen sich die Marken ja schon länger – mit mäßigem Erfolg. Ein Auto, das diese Zielgruppe anmacht (preiswert, flexibel, sportlich), muss noch erfunden werden. Ansonsten gilt an der Wahlurne wie im Autohaus: Man muss seine Anhänger schon mobilisieren, soll die Wahl nicht zur Qual werden.