München. Es gab in jüngster Zeit nicht viele Ideen aus Deutschland, die weltweit so eingeschlagen haben wie die der Brüder Karl und Theo Albrecht – Aldi ist nicht nur hierzulande zum Synonym für gute Qualität zum günstigen Preis geworden. Dabei ist der Erfolg des Discounters nicht nur der weitverbreiteten Geiz-ist-geil-Mentalität geschuldet. Mindestens so entscheidend ist der Verzicht auf ein Übermaß an Auswahl: Bei Aldi gibt es eben nur zwei Sorten Toilettenpapier, nicht ein Dutzend. Zudem sind die Filialen übersichtlich und schlicht. So spart Aldi an der richtigen Stelle – an der Komplexität, nicht an der Qualität.
In diesem Zusammenhang verwundert es, dass das System Aldi in anderen Industrien wie etwa der Autobranche kaum Nachahmer gefunden hat. Was hätte der kürzlich verstorbene Theo Albrecht wohl zu den nicht enden wollenden Aufpreislisten mancher Automarke gesagt oder zu der sprunghaft ansteigenden Modellvielfalt. Selbst große Konzernniederlassungen haben mittlerweile Schwierigkeiten, alle Modelle und Motorisierungen zur Probefahrt bereitzuhalten. Was hielte Theo Albrecht wohl von der eine Zeit lang vorgeschriebenen Sandsteinfassade der VW-Autohäuser? Was, wenn ihm ein Audi-Händler berichtet hätte, dass die Fahrzeuge grundsätzlich auf einem schwer zu pflegenden dunklen Natursteinboden stehen müssen. Nur der R8 nicht, der im Autohaus auf hellgrauem Steinzeug parken soll.
Ein Toyota-Händler berichtete kürzlich, wie er absurde Baustandards des Unternehmens umgeht, etwa den, dass es zwischen Toyota- und Lexus-Schauräumen nicht einmal eine Verbindungstür geben darf. Um zu vermeiden, dass seine Toyota-Kunden um den Block gehen müssen, wenn sie sich auch für einen Lexus interessieren, hat er die Showrooms durch eine bewegliche Wand getrennt. Sie wird nur geschlossen, wenn Besuch aus der Zentrale droht. Nun sind auch Aldi-Filialen standardisiert, was den Vorteil hat, dass ein Kunde in Oberpfaffenhofen den Käse dort findet, wo er auch in Frankfurt steht. Doch auf unsinnige Bauvorschriften wie im Autovertrieb haben die Brüder Albrecht aus gutem Grund verzichtet. Die müssen nämlich am Ende vom Kunden bezahlt werden. Und der verlangt von einem Autohersteller sicher vieles – etwa Qualität und moderne Technik zu niedrigen Preisen – aber keinen Travertin im Showroom.